Hanggliding/
Speedflying

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Corinna Schwiegershausen

Geboren: 10.03.1972

Geburtsort: Bremen, Deutschland

Sternzeichen: „fliegender“ Fisch

Bildergalerie

 

Corinna Schwiegershausen (38) zählt zu den erfolgreichsten Drachenfliegerinnen Deutschlands. Die vierfache Einzel-Weltmeisterin und sechsfache Team-Weltmeisterin lebt in München und verbringt nicht nur ihre Freizeit in der Luft – Corinna arbeitet als Flugbegleiterin bei der Lufthansa. Obwohl sie nach eigener Aussage im Flachland besser fliegt als im Gebirge, zog es die zierliche Kommunikationsdesignerin in den Süden, da ein Großteil ihrer Wettbewerbe in den Bergen stattfindet.

 

Du hast zwar Kommunikationsdesign studiert arbeitest aber als Flugbegleiterin bei der Lufthansa, richtig?

Mmmh, es ist ein sensibles Gleichgewicht von verschiedensten Jobs, die ich mache: mein erster abgeschlossener Beruf ist eigentlich Fluglehrerin im Drachenfliegen. Ich habe auf der Wasserkuppe (Anm. der höchste Berg der Rhön) wo ich selber fliegen gelernt hab, auch angefangen in der Flugschule zu arbeiten. Und ich gebe auch heute hin und wieder Kurse. Mittlerweile habe ich jedoch nicht mehr so viel Zeit dazu. Dieses Jahr habe ich einen Kurs speziell für Frauen angeboten, vor zwei Jahren einen Kurs speziell für Jugendliche im Alter von 14 bis 23 Jahren. Inzwischen mache ich das alles nur noch ehrenamtlich und auch nur auf spezielle Anfrage. Das steht dann in keinem Magazin und wird auch auf keiner Website angekündigt. Es sind eher kleinere Sachen aus Liebe zum Sport, denn es gibt nichts schöneres als das Leuchten in den Augen zu sehen, wenn die Leute das erste Mal abheben und merken was fliegen eigentlich heißt.

 

Mein zweiter Job ist Grafikdesignerin. Ich habe in Darmstadt studiert und mache in diesem Metier hin und wieder freiberuflich einige Sachen. Im Moment arbeite ich gerade an dem Logo für unsere Weltmeisterschaft im nächsten Jahr. Das ist das erste Mal, dass in Deutschland eine Frauen- und Starrflügel-Weltmeisterschaft stattfinden wird. Das Budget ist leider sehr begrenzt. Also habe ich gedacht, gebe ich alles, was ich kann und dazu gehört eben auch das Logo. Die Jobs bei der WM sind gleichzeitig mit dem dritten Job verbunden, den ich mache: ich arbeite für den Sportverband in der Öffentlichkeitsarbeit. Ich schreibe auch selber sehr viel über Wettbewerbe, fotografiere bei Wettkämpfen und publiziere das sowohl in meinem eigenen Blog als auch auf der offiziellen Verbandswebsite. Das macht mir extrem viel Spaß. Meinen eigenen Blog publiziere ich fast nur noch in Englisch. Ursprünglich hatte ich mal damit angefangen, für meine Eltern zu schreiben, damit sie wissen wo ich gerade bin und sich Fotos anschauen können. Aber mittlerweile habe ich eine Leserschaft auf der ganzen Welt und rund 60.000 Zugriffe in zwei Jahren. Mir ist es wichtig, möglichst aktuell von überall zu berichten und wenn ich mal einen Tag nichts geschrieben hab, bekomme ich gleich Anfragen, ob ich krank bin...

 

Für Fachzeitschriften schreibe ich dagegen hauptsächlich in Deutsch. Meine Artikel handeln zum einen von Wettbewerben zum anderen von meinen Reisen. Ich schreibe darüber wo ich während meines Lufthansa-Layovers selber fliegen gehe. Das kann in Mexiko sein, in Buenos Aires, San Francisco oder in Johannesburg. Durch die Wettbewerbe kenne ich natürlich viele Piloten auf der ganzen Welt und habe immer eine Anlaufstelle. Ich maile ihnen, dass ich komme – was ich meist nicht länger als vier Wochen im Voraus weiß – und wer gerade da ist und Zeit hat, geht mit mir fliegen. So wie kürzlich in Israel. Da hatte ich Stand-by und habe erfahren, dass ich an dem Abend nach Tel Aviv fliegen werde. Also habe ich eine SMS an meinen Bekannten geschickt und der hat mich am nächsten Morgen im Hotel abgeholt, mir seine gesamte Ausrüstung geliehen, sich selber Ausrüstung von einem Freund besorgt und mittags standen wir auf dem Mount Tabor, zwei Stunden nördlich von Tel Aviv. Ich konnte dann leider doch nicht fliegen, weil der Wind von der falschen Seite kam, aber das sind so die kleinen Geschichten, die einem die Arbeit versüßen. Womit wir bei meinem vierten Job wären – ich arbeite Teilzeit als Stewardess bei der Lufthansa. Ein Vollzeitjob würde mir nicht mehr erlauben, an Wettbewerben teilzunehmen und die anderen Jobs weiterzuverfolgen. Aber so greift alles ineinander und funktioniert wunderbar.

 

Wenn du so um die Welt fliegst, nimmst du dann jedes Mal deinen Drachen mit oder versuchst du dir eher Material vor Ort auszuleihen?

Meinen Drachen nehme ich bei einer Dienstreise nur mit, wenn Lufthansa selber irgendetwas filmen möchte, beispielsweise für das Inflight Entertainment Programm. Also einmal alle Jubeljahre, denn das ist viel zu aufwendig. Die Kiste wiegt ungefähr 50 Kilo. Dieses Gewicht umherzuwuchten, an den Airports zurechtzukommen, alles wieder aufzubauen und lang zu packen ist einfach zu umständlich. Also versuche ich in den Ländern, wo ich jemanden kenne, der Drachen fliegt, Ausrüstung auszuleihen. Auf der Fly Range in Buenos Aires war jetzt ein Mädchen, die war sogar noch ein Stück kleiner als ich und die hat mir ihren Drachen und ihr Gurtzeug geliehen. Ich habe mir die Ausrüstung angeschaut und die war total ok. Anfängerausrüstung zwar, aber es macht so viel Spaß in einem anderen Land in die Luft zu kommen, da ist es mir ganz egal mit was ich fliege, solange es sicher ist. Den Gleitschirm nehme ich bei Dienstreisen hin und wieder mit und gehe dann im Layover Gleitschirm fliegen. Aber auch da habe ich hier und dort Anlaufstellen, beispielsweise in Mexiko. Da weiß ich, die haben super Material - neuere Schirme und Gurtzeug als meine eigenen - und denen kann ich vertrauen. Dort leihe ich mir also auch gerne etwas aus.

 

Wie bist du überhaupt zum Drachenfliegen gekommen?

Mein Vater hat mich auf den Sport gebracht, weil wir Familienurlaub auf der Wasserkuppe in der Röhn gemacht haben. Wandern fand ich langweilig. Es gab da zwar eine Sommerrodelbahn, die war auch vier, fünf Mal interessant, solange bis man Maximalgeschwindigkeit erreicht hatte und aus der Kurve geflogen war. Doch dann fragt man sich, was kommt jetzt? Ja, und dann haben wir die Drachenflieger am Übungshang gesehen. Mein Vater war schon immer vom Fliegen fasziniert und hat dann mit 50 Jahren angefangen, Drachen zu fliegen. Ich fand das toll. Ich war damals erst 16 und mein Vater meinte, er müsse jetzt erst mal schauen, wie gefährlich das wirklich sei, bevor er mich auch einen Kurs machen ließe. Ich durfte in dem Jahr testweise noch so ein, zwei Hüpfer ausprobieren und ein Jahr später, mit 17, hat er mir erlaubt, einen Anfängerkurs zu belegen. Den richtigen Schein habe ich dann mit 18 gemacht, die Überlandflugberechtigung mit 19 und den Fluglehrerschein mit 21.

 

Als du damals angefangen hast, gab es da schon viele Frauen in dem Sport? Oder hat sich das erst in den letzen Jahren entwickelt?

Ich war damals die einzige Frau in unserem Kurs und es hat lange Zeit auch nicht viele Frauen gegeben, die mit Drachenfliegen begonnen haben. Im Norden fast mehr als im Süden. Mittlerweile höre ich aber von vielen Flugschulen, beispielsweise von der Münchner Flugschule, dass sie Kurse mit 16 Flugschülern haben wovon 10 Frauen sind. An meinem Kurs auf der Wasserkuppe haben 7 Mädels teilgenommen, total jung und total begeistert. Also ich denke, es gibt Interesse und durch unsere vielen Medienberichte in den letzten sechs Jahren – wir sind ja schon zum sechsten Mal Team-Weltmeisterinnen geworden und ich bin das vierte Mal Einzel-Weltmeisterin – haben wir sicher auch Interesse geweckt. Irgendwann kam halt auch die Süddeutsche Zeitung nicht mehr drum herum, über uns zu berichten - auch wenn sonst nur Fußball drin steht. Und in Fernsehbeiträgen sehen die Frauen, dass ich ganz normal bin und ganz normal trainiere – ich heiße ja Schwiegershausen und nicht Schwarzenegger. Da denken bestimmt viele, ach wenn die das kann, warum sollte ich das nicht können und sind inspiriert. Wenn sie schon mal ein bisschen ans Fliegen gedacht haben, dann ist das eine sehr schöne und sehr günstige Möglichkeit, einzusteigen. Und genau das versuche ich zu fördern, wo ich kann. Ich hoffe, dass ich ein wenig dazu beitragen konnte, dass es wieder mehr Frauen werden. Auf der letzten Frauen-WM waren wir wieder knapp 30 Mädels aus 18 Nationen. Und für Tegelberg nächstes Jahr erwarten wir sogar 40 Starterinnen. Gerade in Osteuropa ist das Interesse sehr groß.

 

Wann hast du eigentlich damit begonnen, Wettbewerbe zu fliegen?

Im gleichen Jahr als ich meinen Fluglehrerschein gemacht habe.

 

Und was hat dich dazu bewogen?

Es war eine gute Entschuldigung, überall in der Welt rumreisen zu können und fliegen zu dürfen. Wenn ich sage, ich fliege einen Wettbewerb, dann klingt das glaubwürdiger als wenn ich sage, ich mache jetzt mal Urlaub... (lacht)

Nee, es ist einfach der nächste Schritt. Wenn ich weiter lernen und von den Besten lernen möchte, dann treffe ich diese Leute auf Wettbewerben. Es gibt zwar auch Flugtage, zu denen meistens Weltmeister oder sehr, sehr gute Piloten eingeladen werden, aber dort stürzen sich dann immer gleich 300 Leute drauf und man selber kommt kaum zu Wort und fliegt auch nicht so zielorientiert. Das hat mir bei den Wettbewerben sehr gut gefallen. Ich wurde 1993 von der damaligen Deutschen Meisterin angesprochen, die ebenfalls von der Wasserkuppe kam, ob ich nicht Lust hätte, an den Hessenmeisterschaften teilzunehmen. Da ich viele von den Piloten ohnehin schon kannte und sie damals meine großen Helden waren, dachte ich mir ja klar, dann kann man zusammen fliegen. Und die anderen haben mir bereitwillig geholfen, mir viele Sachen erklärt und mich sozusagen ‚unter ihre Flügel’ genommen. Sie haben mir wirklich sehr geholfen über die Jahre, mich sehr motiviert und auch finanziell unterstützt. Der Verein hat mich unterstützt und vom Verband habe ich ebenfalls Unterstützung bekommen. Als Studentin spart man zwar und arbeitet wie blöde, um sich den Sport zu leisten, aber es hilft unheimlich, wenn man hier und da mal einen Euro dazu bekommt.

 

Mit den Wettbewerben wurde es dann viel leichter, da ich auf Anhieb recht erfolgreich war. Ich hatte mir damals schon überlegt, dass es mit einem Sponsor noch viel toller wäre. Wenn es mir also gelingen würde, auf den ganz großen Meisterschaften erfolgreich zu sein, würden sich die Medien für mich interessieren und darüber ließe sich vielleicht auch ein Sponsor finden. Ich hatte dann noch das Glück, dass ich vor einigen Jahren mal bei der Fernsehshow „Geld oder Liebe“ mitmachen durfte und dachte jetzt oder nie und habe einfach mal bei RedBull angeklopft. Ich bekam zum richtigen Zeitpunkt die richtige Telefonnummer und die fanden das gut und sagten zu mir, wenn ich es schaffen würde, in einer Woche meinen Drachen für den Dreh fertig zu machen, würden sie mich gern unterstützen. Seitdem bin ich RedBull Athletin. Ich war der erste Drachenflieger, der von RedBull unterstützt wurde und ich bin stolz, dass ich noch immer dabei sein darf.

Mit dem adidas Sponsoring ist für mich dann ein ganz langjähriger Traum in Erfüllung gegangen. Ich habe lange und hart dafür gearbeitet und drei Jahre lang immer wieder angefragt, bevor ich mal einen persönlichen Termin bekam. Aber dann war es auch fundiert und es hat sich echt gelohnt.

 

Ich lerne auf den Wettbewerben für mich dazu und baue meine Fähigkeiten aus. Ich kann natürlich auch anderen Piloten und Pilotinnen helfen – Nachwuchsarbeit finde ich total wichtig. Gerade mit unserem Team, das zur letzten WM zu 50 Prozent komplett neu dastand, haben wir gezeigt, dass es sich lohnt zusammen zu arbeiten, zu trainieren und im Wettbewerb zusammenzuhalten. Denn dann ist man auch mit einem Team erfolgreich, von dem niemand mehr dachte, sie könnten noch mal Weltmeister werden.

Noch wichtiger ist es mir allerdings, der Mehrheit der Flieger etwas zurückzugeben. Den Leuten, die Verbandsgebühren zahlen, wodurch unsere Welt- und Europameisterschaften mitfinanziert werden. Wir bekommen Startgelder und Reisekostenzuschüsse für unsere Wettbewerbe. Unsere Aufgabe ist es daher, unseren Sport positiv in den Medien darzustellen und die schönen Seiten zu zeigen, so dass Leute, die ein neues Fluggelände erschließen möchten, ausreichend Belegmaterial haben und zeigen können, wir der Sport aussieht und wer ihn ausübt. Dass es sich bei den Piloten eben nicht um Aussteiger oder Suizid-gefährdete Leute handelt, die sich die Felsen runterstürzen, sondern um ganz normale Menschen.

 

Als du an deinem ersten Wettbewerb - der Hessenmeisterschaft - teilgenommen hast, hättest du dir damals vorstellen können jemals Weltmeisterin zu werden?

Na ja, bei der Hessenmeisterschaft war mein Ziel noch, irgendwann Hessenmeisterin zu werden. Und das Ziel war nicht so weit weg, da ohnehin nur zwei oder drei Frauen dort mitgemacht haben. Als ich 1994 am Tegelberg zum ersten Mal Deutsche Meisterin wurde, dachte ich ‚oh’ - so schnell so gut zu werden, dass ich in einem so großen Gebiet wie Deutschland gewinnen kann, wo andere viel länger fliegen als ich - vielleicht habe ich ja neben meiner großen Begeisterung auch noch Talent? Ein Jahr später habe ich eine Wette mit einem Piloten abgeschlossen. Wir haben gewettet, dass ich, wenn ich so alt sein würde wie er, schon Weltmeisterin bin. Der Pilot war damals 34 und in dem Alter hatte ich sogar schon zwei Weltmeistertitel.

 

Wo würdest du sagen liegen deine Stärken?

Eine ganz große Stärke ist sicher meine Begeisterungsfähigkeit über Jahre sowie meine Lernfähigkeit und Lernwilligkeit. Ich liebe das Fliegen, daher fällt mir das Training nicht schwer. Ich möchte jeden Tag, an dem es die Bedingungen zulassen, in die Luft - ganz gleich ob es sich um einen 10-Minuten-Flug mit dem Gleitschirm oder einen 5-Stunden-Flug mit Drachen handelt. Es macht mir nach all den Jahren noch wahnsinnig viel Spaß und ich lerne bei jedem Flug etwas dazu - über das Wetter, über das Fluggerät und über meine Fähigkeiten. Eine weitere Stärke ist sicher meine Zielstrebigkeit und Zielorientiertheit. Ich verschwende ungern Zeit damit, mich über irgendetwas aufzuregen. Wenn’s nicht so gelaufen ist, wie ich mir das vorgestellt habe - ich bin nicht ins Ziel geflogen und hab ’nen Anfängerfehler gemacht, das kommt vor – dann stehe ich nach der Landung da und denke, das hätte ich eigentlich vorher wissen können. Aber dann kommt ganz schnell die Analyse, was genau ich falsch gemacht habe und warum die anderen besser geflogen sind. Auch wenn niemand besser geflogen ist, frage ich mich immer, was ich an dem Tag hätte besser machen können, um noch mehr rauszuholen. Und das versuche ich dann beim nächsten Flug umzusetzen.

Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich mich auf das Hier und Jetzt konzentrieren kann. Konzentration und richtige Analyse fängt bei mir mit der Fahrt auf den Berg an. Ich fahre unheimlich gerne ganz früh nach oben, bevor die anderen 120 Piloten am Startplatz sind. Dann setze ich mich einfach auf die Startrampe und schau die Berge an oder das Fluggebiet, in dem ich gerade bin. Das ist schon fast so etwas wie eine Meditation, um mich auf den Tag einzustimmen und alles aufzunehmen. Woher kommt der Wind, wie ziehen die Wolken, wo fliegen schon Vögel, ist ein bisschen Nebel da, ist die Luft feucht oder ist die Luft trocken? Das sind ganz viele Informationen die von mir mittlerweile fast automatisch verarbeitet werden und mein Hintergrundwissen für den Tag bilden. Da brauche ich mich dann nicht mehr drauf zu konzentrieren, das Wissen habe ich einfach. Ich weiß, an bestimmten Tagen darf ich nicht unter eine bestimmte Höhe kommen, sonst lande ich, zum Beispiel wenn die Talwinde sehr stark sind. An anderen Tagen macht das überhaupt nichts aus und man fliegt viel schneller, wenn man tiefer fliegt und nicht bis an die Wolke steigen muss. Aufgrund der Tatsache, dass ich mich nur auf die Situation fokussiere, in der ich mich befinde, und alles andere um mich herum ausblenden kann, bin ich glaube ich so gut geworden - was rein physikalisch zunächst gar nicht möglich erschien. Ich bin zwar kleiner und leichter, habe aber andere Vorzüge ausbauen können. Andere Piloten ärgern sich teilweise tagelang, wenn irgendetwas in die Hose gegangen ist und ich kann das einfach abhaken. Auch wenn es Konflikte innerhalb des Teams gibt, sage ich immer, das können wir irgendwann ausdiskutieren, jetzt ist Wettbewerb, also lasst uns auf diesen Tag konzentrieren und fliegen. Ich halte mich ungern mit Sachen auf, wenn ich in dem Augenblick wichtigeres zu tun habe. Das ist ganz wichtig in Wettbewerben, aber auch in Situationen, in denen man nicht mehr so viele Chancen hat, die richtige Wahl zu treffen. Wenn man zu viele Fehlentscheidungen getroffen hat und es brenzlig wird, beispielsweise weil der Wind auf einmal stärker geworden ist als erwartet oder weil man an irgendeiner Stelle zu tief runtergekommen ist, wo man nicht mehr so schön landen kann. Dann muss man diese Konzentrationsfähigkeit einsetzen, um im letzten Augenblick doch alles richtig zu machen. Da kann man sich zwar ärgern, dass man so viel falsch gemacht hat, aber das bringt einen in dem Moment nicht weiter. So ist das bei mir in allen Lebenslagen, auch bei meiner Arbeit. Ich schaue mir die Situation an und die Optionen wie ich weitermachen kann, so dass es besser wird und nicht schlechter.

 

Das hört sich alles sehr analytisch an. Spielt Intuition auch eine Rolle bei deinen Entscheidungen?

Intuition ist mit dabei, aber die Intuition ist mittlerweile durch mein Grundwissen stark beeinflusst. Durch die Meditation am Anfang des Tages nehme ich unheimlich viele Informationen auf und die Entscheidungen scheinen manchmal intuitiv zu sein, aber ich kann mir später bewusst machen und begründen, warum ich zu einer bestimmten Uhrzeit zu einem bestimmten Hang geflogen bin. Auch wenn es ganz spontan erscheint. Wenn ich beispielsweise aus den Augenwinkeln einen Vogel ganz schnell aufsteigen sehe, dann fliege ich dahin, ohne lange darüber nachzudenken. Das ist schon fast wie ein Instinkt. Instinktiv die Zeichen zu sehen und zu verarbeiten, ohne darüber nachzudenken. Na ja, das kann man eigentlich schon als Intuition bezeichnen...

 

Beschreib doch mal, wie so ein Flug abläuft. Was passiert nachdem du dich morgens mental vorbereitet hast?

Also eigentlich gehört zur Vorphase ja noch der Vorabend, denn da mache ich meine Wettervorbereitung. Ich schaue im Internet nach, welcher Pilot wann wie weit geflogen ist, schaue mir die Wetterberichte und Thermikvorhersagen an, um dann zu entscheiden wie weit ich fliegen möchte, wenn ich frei fliege. Wenn ich bei einem Wettbewerb starte, schaue ich mir natürlich auch das Wetter an, weil das extrem wichtig ist, um zu wissen wann die beste Flugphase des Tages ist.

Wenn ich selber fliegen gehe, bespreche ich mit den Piloten, die ich auf dem Weg zum Berg antreffe, was sie erwarten und wo sie hinfliegen würden oder ob sie in den letzten Tagen geflogen sind. Das alles sind Informationen, die sammele, um in der Luft vorbereitet zu sein. Ich weiß dann, wenn ich es in einer bestimmten Zeit bis zu einem bestimmten Punkt schaffe, beispielsweise 80 Kilometer in der ersten Stunde, dann kann ich an dem Tag bestimmt über 200 Kilometer fliegen und wieder da hin zurückkommen, wo ich gerne landen möchte. Das alles gehört noch mit zur analytischen Vorbereitung des Fluges.

Am Start baue ich dann in aller Ruhe meinen Drachen auf und schaue, dass wirklich alles perfekt und heile ist. Ich versuche den Drachen möglichst so aufzubauen, dass ich ihn am Startplatz nicht mehr weit tragen muss, denn das ist sehr anstrengend mit dem ganzen Geraffel, vor allem im Winter über Schnee. Also baue ich dort auf, wo ich mich nur umdrehen muss und starten kann. Dann hänge ich mich in den Drachen ein und warte schönen Wind von vorne ab, damit ich nicht ganz so weit rennen muss, um die zusätzlichen 45 Kilo zu beschleunigen.

Schließlich geht’s in die Luft auf der Suche nach der ersten Thermik. Ich schaue meistens schon vom Berg aus, wo die anderen Kollegen aufsteigen oder wo Vögel sich halten können und dort fliege ich hin. Als nächstes geht es rauf an die erste Wolke und wenn ich dann da oben bin, genieße ich erst einmal die Aussicht und bin dankbar, dass es überhaupt geklappt hat an dem Tag, aufzusteigen und nicht gleich wieder landen zu müssen. Meistens wende ich mich gen Süden und fliege von den Bayerischen Alpen aus Richtung Österreich. Ich freue mich immer besonders, wenn es zum Wilden Kaiser geht, denn das sind wunderschöne Felsen. Dann hüpfe ich von Berg zu Berg, gerne auch zusammen mit Kollegen. Wenn jemand Funk dabei hat, machen wir vorher immer eine gemeinsame Frequenz aus, damit wir uns auch in der Luft unterhalten können. Ein besonders schöner Flug war für mich, als ich letztes Jahr mit einer Team-Kollegin über 60 Kilometer das gesamte Pinzgau runtergeflogen bin. Wir haben uns in der Luft getroffen, uns riesig gefreut und sind dann die ganze Strecke zusammen gesegelt.

Unterwegs genieße ich nicht nur die Aussicht, sondern versuche aktiv die nächste Thermik anzuvisieren und im stärksten Steigen von dieser Thermik so schnell wie möglich an die Wolke zu kommen, denn die Höhe kann ich wieder in Strecke umsetzen. Das heißt, wenn ich auf 3000 Meter hoch steige, kann ich damit wieder zirka 15 Kilometer weiterfliegen. Und da ich gerne möglichst weit fliege, möglichst große Dreiecke, und auch wieder zu meinem Auto zurückkommen möchte, habe ich es mittlerweile ganz gut raus, die richtigen Tage zu wählen, an denen das möglich ist. Wenn man dann zum Ausgangspunkt zurückkehrt, sind meistens schon andere Piloten gelandet und man diskutiert wer wo an welchem Tag geflogen ist. Es ist meist so eine richtig fröhliche Feierstimmung. Wir stoßen miteinander an und freuen uns, dass wir einen so genialen Tag erleben durften. Man ist zwar hundemüde nach fünf oder sechs Stunden Flug, aber einfach nur glücklich.

 

Jetzt bist du sechs Stunden in der Luft unterwegs, fliegst 200 Kilometer und hast weder etwas zu essen noch etwas zu trinken dabei...

Man testet einfach verschiedene Sachen und versucht für sich die beste Lösung zu finden. Die sieht bei mir so aus, dass ich mich sehr bewusst und gesund mit vielen frischen Produkten ernähre und dass ich auch keine Probleme habe, morgens mal Reis oder Nudeln zu essen. Ich bin nicht so der Marmeladen-Typ sondern eher der Chili-Typ. Morgens vorm Start esse ich auch noch mal eine Banane oder einen Müsliriegel. Aber ich esse nicht in der Luft – zumindest nicht während eines Wettbewerbes. Wenn ich frei irgendwo rumsegele, dann könnte ich schon einen Müsliriegel aus der Tasche ziehen und in der Luft essen. Das habe ich auch schon gemacht, aber im Normalfall und vor allem im Wettbewerb ist man so konzentriert, da wäre das einfach eine Ablenkung und in dem Moment auch eine Zeitverschwendung. Mit den Getränken habe ich für mich als beste Lösung erkannt, dass ich abends sehr viel trinke - vor allem viel Wasser – und morgens viel trinke – meistens Früchtetee. Bis zwei Stunden vor Abflugzeit trinke ich dann ein oder zwei RedBull. Das entwässert  die überschüssige Flüssigkeit und ich bin trotzdem noch hydriert genug, um keine Kopfschmerzen zu bekommen auch wenn ich fünf Stunden fliege. Das gilt für Europa. In Australien nehme ich auch einen Camelbak mit und trinke dann in der letzten halben Stunde oder Stunde, wenn ich weiß, ich muss ohnehin landen und kann dann auf Toilette gehen. Aber hier funktioniert meine Methode prima. Die Konzentration ist auch sofort weg, wenn man da oben auf Toilette muss - da geht gar nichts mehr. Und das wäre natürlich der Supergau. Aus diesem Grund ist das für mich die beste Lösung. Natürlich sagt unser Teamarzt, das sei nicht so toll und es wäre besser, wenn ich in den letzten zwei Stunden etwas trinken würde. Aber da ich hin und wieder schon mal auf Toilette musste, als ich in der Luft war, ist es mir das nicht wert. Da trinke ich lieber sofort nachdem ich gelandet bin und fülle die Depots auf. Das funktioniert hervorragend.

 

Du bist ein ziemliches Leichtgewicht mit knapp über 50 Kilo. Deine Ausrüstung wiegt fast genauso viel wie du selber (48kg). Glaubst du das Gewicht, das man rumschleppen muss, ist ein Grund, warum Frauen abgeschreckt werden? Oder sind es vielleicht die hohen Anschaffungskosten?

Die Anfängerdrachen wiegen 17 Kilo, die sind richtig schön leicht und auch sehr leicht zu fliegen. Anfängerausrüstung ist wesentlich leichter als meine High-Tech-Wettbewerbsausrüstung mit schwerem Segel. Die ist wirklich supermassiv und auf Sicherheit gebaut, aber eben auch auf Geschwindigkeit und Leistung. Alles ist total perfektioniert in Sachen Strömung - da darf kein überflüssiger Widerstand irgendwo rausgucken. Das ist schon eine ganz andere Liga als zu meinen Anfängerzeiten. Ich habe mir zum Glück die erste Ausrüstung mit meinem Vater teilen können. Aber wenn man heute einen Drachen, Gurtzeug, Helm, Vario und Rettungsschirm kauft ist man gebraucht schon mit 1.500 Euro dabei. Und ich denke, das ist ein Betrag, den man bei vielen Sportarten zum Einstieg investieren muss. Wenn man dann irgendwann besser wird und Wettbewerbe fliegt, bekommt man die Geräte von den Herstellern etwas günstiger. Das war damals für mich übrigens auch ein Grund, mit den Wettbewerben anzufangen, denn früher konnte ich die Geräte plus/minus Null weiterverkaufen und hatte dadurch nicht mehr diese Riesenkosten, die man bei dem Sport eigentlich erwarten würde. Und  beim Tragen wurde mir von Anfang an geholfen. Am Übungshang hat mein Vater den Drachen mit raufgetragen. Später haben die anderen Kursteilnehmer mir geholfen und das ging einfach so weiter. Mir bricht natürlich auch kein Zacken aus der Krone, wenn ich jemanden bitte, mir beim Tragen zu helfen, denn ich möchte noch gerne bis ins hohe Alter gesund bleiben und einen gesunden Rücken behalten. Ich helfe anderen Leuten auch gern und wenn jemand der Meinung ist, er müsse den Macho rauskehren und alles alleine schleppen, dann soll er das machen. Aber ich bin ganz glücklich, dass ich immer jemanden finde, der mit anpackt. Der Drachen ist auch nur so lange ein Schwergewicht, bis ich die ersten vier, fünf, sechs Schritte beschleunigt habe, denn dann fliegt er. Es ist ganz wichtig, dass diese Beschleunigung passt. Um einen sicheren Start hinlegen zu können, muss ich maximalen Grip haben, um auf unterschiedlichstem Geländen beschleunigen zu können. Ich merke schon, dass nach zwei, drei Schritten alles viel leichter wird. Dann kann ich noch mal richtig Gas geben und hebe ab. In der Luft bin ich im Gurtzeug aufgehängt und im Grunde genommen schwerelos. Natürlich merke ich die G-Kräfte, vor allem wenn ich enge, schnelle, steile Kurven fliege. Aber wir fliegen mit Gewichtskraftsteuerung, das heißt ich lenke den Drachen, indem ich meinen ganzen Körper nach rechts oder nach links schiebe. Da geht es nicht um den Einsatz von Maximalkraft.

Es ist nach wie vor die günstigste Möglichkeit, unabhängig von irgendeinem Verein oder von Arbeitsstunden in die Luft zu kommen. Drachen- und Gleitschirmfliegen kann ich auch Studenten empfehlen. Natürlich ist das am Anfang mit einer Investition verbunden, aber es lohnt sich, weil man dann stundenlang die Thermik, also die Sonnenenergie nutzen kann und ganz ohne Motor durch die Gegend fliegt.

 

Jetzt ist bei dir das Gewichtsverhältnis Drache zu Mensch fast 1:1 – ist die Ausrüstung der männlichen Piloten, mit denen du fliegst, im Verhältnis genauso schwer oder haben die Männer neben einem Kraft- auch einen Gewichtsvorteil?

Wir sprechen in unserem Sport von Flächenbelastung. Die Männer fliegen etwas größere Drachen, aber es ist nicht so, dass jemand der doppelt so schwer ist wie ich einen doppelt so großen Drachen fliegt. Es ist eher umgekehrt – die Drachen können nur bis zu einer bestimmten Größe runterskaliert werden, sonst wird der Widerstand, den so ein Drache hat, zu groß im Verhältnis zur Auftrieb-erzeugenden Fläche. Das hört sich jetzt etwas kompliziert an, aber das ist halt Physik. Aus diesem Grund habe ich den Drachen gewählt, mit dem ich in der Luft sehr gut zurecht komme und der für mich die beste Flugleistung hat und versuche halt die Nachteile am Boden wettzumachen, sprich das hohe Gewicht beim Tragen, beim Starten und beim Landen. Ich fliege mit einem großen Steuertrapez. Das ist eigentlich nicht für kleine, schmale Frauenschultern gebaut, aber ich habe dadurch eine sehr gute Starttechnik. Am Start habe ich auch die Ruhe weg, wenn die Leute hinter mir maulen, wann ich denn nun endlich rausgehe, denn ich weiß wann es für mich passt. Ich weiß was ich kann und was ich nicht kann und so lange warte ich, denn es ist mein Start und meine Sicherheit. Wenn man das kann, dann macht es zumindest am Start nicht mehr allzu viel aus. Ich bin natürlich eingeschränkt, wenn der Wind oder die Turbulenz durch die Thermik in der Luft sehr stark wird. Dann habe ich den Drachen nicht so unter Kontrolle wie einer der dreißig, vierzig oder fünfzig Kilo mehr wiegt als ich und viel mehr Gewicht beim Steuern einsetzen kann. In normalen Bedingungen macht es nicht allzu viel Unterschied, ich bin halt nicht so schnell wie der schwerere Pilot, der in kürzerer Zeit eine größere Strecke zurücklegen kann als ich. Der fliegt zwar nicht schneller runter aber schneller geradeaus als ich. Das ist sicher ein Nachteil in Wettbewerben. Aber das versuche ich dadurch wettzumachen, dass ich aufgrund meines geringeren Gewichts in der Thermik schneller aufsteigen kann. Ich fliege dann meist an den schwereren Piloten vorbei und schon mal voraus und irgendwann holen die mich dann ein und überholen mich auf dem Weg zur nächsten Thermik.

 

Oder auch nicht, wenn man bedenkt, wie viele Männer du manchmal bei einem Wettbewerb hinter dir lässt...

Gut, das sind dann Flachlandbedingungen. In Texas sind wir mit Rückenwind geflogen und wären wir öfter gegen den Wind geflogen, hätte ich schlechte Karten gehabt. Gegen den Wind zu fliegen, fällt mir aufgrund des nicht vorhandenen Gewichtes sehr schwer. Ich nehme auch ab und zu Ballast mit. Aber das sind nie mehr als 8 Kilo, denn ich muss damit starten und am Ende des Fluges auch sicher damit landen können.

 

Und was nimmst du da mit – einen Bleigürtel?

Nein, eher Getränke. Zum Beispiel RedBull, denn das ist häufig ein willkommenes Geschenk für Bauern oder Grundbesitzer, auf deren Wiese ich lande. Ich habe ganz gute Erfahrungen damit gemacht, einfach eine Dose luftgekühltes RedBull zu verschenken, denn so kann ich jede Meckerei gleich im Keim ersticken. Ich nehme immer gleich den Helm ab, denn dann sehen sie, dass ich ein Mädchen bin und dann ziehe ich die Dose aus dem Gurtzeug und entschuldige mich. Daraufhin haben Leute sogar schon Zäune zerschnitten, damit ich den Drachen direkt raus tragen kann, oder mich auf dem Traktor zurückgefahren. Also meistens sind es total positive Begegnungen.

 

Stichwort "luftgekühlt": wie schützt du dich 3000 Meter über dem Erdboden vor Kälte? Du musst dich ja auch noch bewegen können. Und wie gehst du mit den zum Teil extremen Temperaturunterschieden zwischen Luft und Boden um?

Funktionskleidung. Ich bin dankbar, dass ich heute leben darf und einem mit der neuesten Generation von Funktionskleidung einfach alle Möglichkeiten an die Hand gegeben werden. Ich trage viele, viele Schichten übereinander und schwitze trotzdem manchmal am Startplatz. Aber das dauert dann nicht lange und das liegt zum Teil am Neopren vom Gurtzeug. Die richtigen Schuhe sind unheimlich wichtig, beispielsweise im Schnee. Ich kann natürlich nicht mit nassen Füßen starten, die würden mir in der Luft abfallen, das wären Eisklötze. Goretex ist also unerlässlich. Leicht sollten sie sein, beweglich und trotzdem stabil genug, damit mir die Füße beim Start und bei der Landung nicht umknicken. Ich trage eine warme Hose und meist noch eine Zipperhose drüber, die ich dann nach der Landung schnell ausziehen kann, damit ich nicht zerfließe. Bei den Shirts trage ich auch mehrere Lagen. Meistens ist ein Fleece dabei oder die Funktionsunterwäsche der Wintersportathleten. Die hält warm und ist trotzdem aerodynamisch. Als oberste Lage ziehe ich dann enge Stretchmaterialien an, sogenannte ‚Speed Arms’. Die halten den Wind noch mehr ab, obwohl ich eigentlich schon eine winddichte Jacke drunter trage, und verhindern, dass die Ärmel flattern, so dass ich bei 100 km/h nicht mehr Widerstand habe.

 

Du hast gerade erwähnt, dass du gerne Produkte nutzt, die ursprünglich für Wintersportathleten entwickelt wurden. Jetzt hat dein Bekleidungssponsor ja noch ganz andere High-Tech-Produkte auf Lager, die euch ebenfalls zugute kommen – Stichwort TechFit.

Ja, das ist natürlich das geniale, wenn man von einem Weltunternehmen wie adidas gesponsert wird, das innovative Sportbekleidung für so viele verschiedene Sportarten entwickelt. Neben den Outdoorprodukten nutzen wir auch die TechFit Shirts. Ich muss zugeben, ich weiß gar nicht, für welche Sportart diese Kompressions-Shirts ursprünglich entwickelt wurden, aber nachdem ich sie beim Fliegen ausprobiert habe, ist für mich klar, dass sie für uns Drachenflieger entwickelt wurden, denn sie unterstützen unsere Flughaltung perfekt. Wir fliegen ja liegend und haben über fünf, sechs Stunden unsere Arme angewinkelt und den Kopf mit Helm im Nacken. Das ist unheimlich anstrengend und dabei unterstützt die Kleidung extrem. Mittlerweise nutzen das übrigens schon sehr viele Drachenflieger. Jeder, der es ausprobiert hat, ist begeistert.

 

 Diese extreme Flugposition über so viele Stunden erfordert sicher auch ausgleichendes Krafttraining für Nacken und Rücken?

Richtig, nicht nur ausgleichend für den Rücken sondern auch für die andere Seite. Bauchtraining ist ganz wichtig, um alles im Gleichgewicht zu halten. Aber wir machen auch generell Ausdauertraining, um die Konzentrationsfähigkeit zu steigern, damit ich am Ende von meinem 5-Stunden-Flug noch die richtigen, sicheren Entscheidungen treffen kann und bei der Landung alles passt. Ich gehe joggen - wobei es mir nicht leicht fällt, mich dazu zu motivieren – und die Ergebnisse sprechen Bände. Seit unser Teamarzt mir geraten hat, Jogging in mein Fitnessprogramm aufzunehmen, bin ich noch mal wesentlich besser geworden. Auch Schwimmen gehört zu meinem Ausdauertraining. Das ist auch von der Haltung her sehr ähnlich - zumindest wenn man schwimmt wie ich... Ich trainiere auch nicht mit Maximalgewichten, sondern auf Ausdauer im ganz kleinen, gesunden Bereich. So wie es für meinen Sport ideal ist, aber eben mit der bestmöglichen Ausrüstung. Und das motiviert auch sehr, wenn man weiß, dass man für jede Gelegenheit die perfekte Ausrüstung hat, mit der man das Beste aus dem Training rausholen kann, so wie beim Fliegen auch.

Ich war vor einiger Zeit in Japan - das war eigentlich eine Lufthansa-Dienstreise - und habe für meine japanischen Drachenflug-Kolleginnen und Kollegen einen Vortrag gehalten. Da sind rund 100 Leute zusammen gekommen, allein 20 Frauen. Drachenfliegerinnen, die noch viel kleiner und leichter sind als ich. Die wiegen so 40, 42 Kilo und fliegen auch. Und denen habe ich meine Tricks gezeigt, die ich so über die Jahre entwickelt habe. Zum Beispiel was ich für Kleidung trage und welche Handschuhe gut funktionieren. Die richtigen Handschuhe sind ganz wichtig, um überhaupt die großen Trapeze halten zu können, denn die Aluminiumbügel sind verdammt rutschig und eiskalt, vor allem in der Luft. Superwichtig sind natürlich auch gute Sonnenbrillen, die die Augen schützen und gut abschließen, gleichzeitig aber den Kontrast am Himmel verstärken, um möglichst früh Thermik zu erkennen. Bevor die Wolke da ist, sehe ich manchmal schon, wie sich diese Schlieren entwickeln und das ist genau das, was wir brauchen. Das sind so viele Kleinigkeiten, die mir als ‚benachteiligte’ Person – aufgrund meiner geringeren Körpergröße und meines geringeren Gewichts – trotzdem die Möglichkeit geben, an der Spitze mitzuspielen und vor allem sicher mitzuspielen.

 

Drachenflieger bezeichnen sich ja als Piloten. Nun arbeitest du ja auch berufsmäßig mit Piloten zusammen - wobei diese etwas größere Fluggeräte steuern. Nachdem die Lufthansa schon mehrfach über dich berichtet hat, wirst du hin und wieder mal von den Kollegen im Cockpit auf deinen Sport angesprochen?

Ich kenne einige, die selber Drachen und Gleitschirm fliegen und da ist man natürlich zusammen unterwegs und geht im Layover zusammen fliegen. Eine ganz nette Begegnung hatte ich auf meinem vorletzten Flug: da kam ich ins Cockpit, weil mich Wolkenbilder unheimlich interessieren und ich es einfach toll finde, wenn man so eine Blumekohlwolke mal von der Seite sieht und nicht nur von unten. Mit meinem kleinen Drachen komme ich natürlich nie so hoch wie die großen Jets. Jedenfalls war da so eine Erscheinung am Himmel und ich habe ein wenig vor mich hingemurmelt und fachgesimpelt, um mir zu erklären, wieso diese Wolke gerade jetzt genau so da steht. Irgendwann hat sich der Kapitän umgedreht und gefragt: „Bist du die Drachenfliegerin?“ Er war ganz begeistert, denn er hatte gerade mit Gleitschirmfliegen angefangen und hatte auch gleich ein paar Fragen. Und das ging dann die ganze Zeit weiter bis in den Crewbus, der uns zum Terminal gebracht hat. Wir haben auch nach wie vor Kontakt und ich habe vorgeschlagen, dass wir im Winter, wenn der Flugplan passt, in Mexiko mal zusammen fliegen gehen. Kurzum, da ist schon ein sehr großes Interesse und eine sehr große Begeisterung da. Und es ist schön, sich so von Pilot zu Pilot zu unterhalten.

 

In einem Interview hast du mal gesagt, dass du gerne einen richtigen Jumbo landen würdest. Planst du wirklich, einen Pilotenschein für Verkehrsflugzeuge zu machen?

Auf jeden Fall. Im Augenblick scheitert das natürlich am Geld und am Zeitmangel, aber ich fliege eigentlich alles, was mir in die Hände fällt. Ich hatte schon mal das große Glück, dass ich im Simulator eine 737 und eine 320 fliegen durfte - also starten und landen. Das ging ganz gut, eigentlich problemlos und hat viel Spaß gemacht. Und ich durfte hin und wieder auch schon kleinere Maschinen fliegen oder zumindest im Cockpit dabei sein, wenn sie geflogen wurden. Ich habe ja mit RedBull auch einen sehr flugbegeisterten Sponsor und wenn sich mir eine solche Chance bietet, dann genieße ich das sehr.

Was mich wahnsinnig interessiert sind diese Air Race Flieger. Das ist ja das allerextremste, was es gibt. Ich würde gerne wissen, wie das geht und was das für ein Gefühl ist - ob ich vielleicht ohnmächtig werde, wenn ich da mitfliege. Also das wäre so ein Traum von mir. Der Hannes Arch, derzeit der beste Pilot beim Air Race, hat auch mit Drachen- und Gleitschirmfliegen angefangen. Das ist ein früherer Kollege, den ich wahnsinnig bewundere und es freut mich riesig, dass er beim Air Race so durchgestartet ist. Also mit dem würde ich gerne mal mitfliegen. Mir ist in der Luft auch noch nie schlecht geworden. Das heißt, einmal schon – das war in Australien. Da hat’s so gestunken. Ich bin da gerade über einen dunklen See geflogen und habe verzweifelt Thermik gesucht. Da ging auch irgendeine Thermik hoch, aber die hat so übel gerochen, dass mir die Sinne schwanden. Später hat sich herausgestellt, dass das eine Schlachtfarm war und der See war ein Blutsee. Da ist mir dann schlecht geworden, aber nicht vom Fliegen, sondern vom Geruch. Da habe ich es lieber, wenn die Wolke nach Tanne riecht - oder nach Pommes. So rochen die Wolken über einer Chipsfabrik südlich von Darmstadt wo ich früher häufiger geflogen bin. Das war cool.

 

Wie wirkt sich deine Nachwuchsarbeit bei der Damennationalmannschaft aus?

Ich bin selber ganz jung dazu gekommen und es sind jahrelang dieselben Pilotinnen gewesen. Hier und da ist mal eine neue dazu gekommen und eine ältere ist gegangen. Im letzten Jahr kamen dann gleich drei neue Pilotinnen dazu, weil drei andere aufgehört hatten. Ich habe natürlich geschaut, wer passen könnte, habe versucht, zu motivieren und über die Vor- und Nachteile des Wettkampfsports aufzuklären. Man muss halt sehr organisiert sein, sich auf viele Sachen konzentrieren und darf sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Das ist schon anstrengend und artet vielleicht für manche in Stress aus. Wer bei Wettbewerben startet investiert eine Menge Zeit und Geld. Aber wenn man sich ein bisschen geschickt und motiviert anstellt, dann bekommt man jede Menge zurück. Und genau das haben unsere jungen Pilotinnen jetzt auch selber erlebt.

Ich versuche auch, durch die Kurse, die ich gebe, Nachwuchs zu motivieren und heranzuziehen. Der Sport ist so schön, das muss weitergehen. Und wenn jeder von uns etwas dazu beisteuert, dann schaffen das auch Studenten, die im Moment noch etwas begrenzte Mittel haben. Auch mir wurde am Anfang unter die Arme gegriffen.

 

Bewegt dich ein Erfolg, den du im Team erreichst mehr als eine Einzelleistung?

Auch meine Einzelgoldmedaille ist eine Teamleistung. Ich habe Teamgold gewonnen und die Einzelgoldmedaille wurde mir für meine Punkte, die ich als einzelne Pilotin erflogen habe, verliehen. Aber da sind alle im Team dran beteiligt gewesen. Sowohl der Teamleader als auch unser Teamarzt, der selber Flieger ist und sehr gute Informationen vom Boden aus geben kann, ebenso wie meine Kollegin, die einen Tag vorausgeflogen ist und wegen einer Abschattung landen musste. Diese Info hat sie sofort an mich weitergegeben, so dass ich "einbremsen" und ganz hoch weiterfliegen konnte. Ich profitiere davon, dass ich Informationen von den anderen bekomme und mit den anderen zusammen fliegen kann. Das gibt einem eine wahnsinnige Kraft und davon hat auch jede einzelne im Team profitiert sowie das Team insgesamt auch. Entscheidend ist, erstmal zu geben und den anderen etwas anzubieten. Wenn ich vorne bin, dann biete ich diese Information auch an, sage wo ich lang geflogen bin und wer vorne liegt. Klar werden die anderen dadurch besser und können mich gegebenenfalls auch überholen, doch wenn ich überholt werde, muss ich mir überlegen, was ich jetzt nicht so gut gemacht habe und was ich besser machen könnte, um weiter zu kommen. Für meine persönliche Leistung bin ich selbst verantwortlich. Das sind meine Entscheidungen, damit haben die anderen wenig zu tun. Und wenn jemand besser fliegt als ich, dann ist das seine Leistung. Ich habe das gerade wieder bei einem langjährigen, sehr guten Flieger erlebt, der sich eine Weile vom Wettbewerbsport verabschiedet hatte. Bob Baier kam nach drei Jahren Wettbewerbspause zurück und ist auf Anhieb Deutscher Meister geworden. Und der funktioniert wie ich. Er ist auch jahrelang mein großes Vorbild gewesen, weil er mir schon damals auf die Frage, wie er den Tag einschätzt, haargenau geschildert hat, worauf man am Tegelberg achten sollte. Und das hat genau gepasst. Er hat mir exakt die richtigen Geheimnisse verraten. Und dieses Jahr war es wieder ganz genauso. Wir hatten bei der Deutschen Meisterschaft sehr schwierige Flugbedingungen. Also bin ich zu Bob gegangen und habe ihn nach seiner Meinung gefragt. Er hat mir ganz genau die einzelnen Stationen geschildert und gesagt wie er die Situation einschätzt. Wir sind in der Luft sogar sehr lange zusammen geflogen und wir sind ins Ziel gekommen. Am letzten Tag waren wir nur drei Piloten im Ziel – und da bekommt man natürlich Gänsehaut. Bob gibt einfach, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Auf der anderen Seite war ich superglücklich, dass ich ihm endlich mal etwas zurückgeben konnte, weil wir neue Fluginstrumente haben. Die neuen Vario GPS-Geräte sind etwas anders zu programmieren und da kam er zu mir und hat gefragt, ob ich ihm das zeigen könnte. Das habe ich natürlich sehr gerne gemacht. Wie gesagt, es ist ein Geben und Nehmen. Bei der Frauen-WM war das genauso. Unsere Pilotinnen haben bei der WM ihre bisher beste Leistung gezeigt. Die sind alle über sich hinaus gewachsen und haben sich gegenseitig hochgeschaukelt.

 

Jetzt könnte man sagen, du hast mit deinen WM-Titeln die höchste Ehrung in deinem Sport schon erreicht – Drachenfliegen ist ja nicht olympisch. Woher nimmst du deine Motivation? Hast du noch sportliche Ziele?

Also ich habe in den letzten Jahren gemerkt, dass ich meine Leistung immer noch steigern kann, indem ich besser trainiere oder an der Ausrüstung feile. Das Material entwickelt sich jedes Jahr ein bisschen weiter, ich entdecke ständig etwas, das ich noch optimieren kann. Ich lerne immer mehr dazu und verbessere mich dadurch. Das Wetter ist ohnehin nicht jeden Tag dasselbe. Ich fliege in so vielen verschiedenen Fluggeländen und lerne immer noch neue Fluggelände kennen, da Weltmeisterschaften ja auch an die verschiedensten Gebiete vergeben werden. Von daher bin ich schon sehr motiviert, mich weiter für eine WM zu qualifizieren. Gerade nächstes Jahr wird es sicher so schwer wie noch nie, den Titel noch einmal zu holen, denn die Russinnen sind wahnsinnig stark geworden. Es ist unglaublich, was die für einen Sprung gemacht haben. Zu Hause in Deutschland zu gewinnen, wäre für mich wirklich ein Traum und darauf arbeit ich zurzeit hin. Das ist mein kurzfristiges Ziel. Dann habe ich natürlich noch ganz verrückte Ideen – beispielsweise Nicolas Cage das Drachenfliegen beizubringen, denn der hat in der CBS Late Show bei David Letterman gesagt, sein großer Traum sei Hang Gliding zu lernen – also nicht irgendeinen Flugsport, sondern speziell Hang Gliding. Das fand ich toll und sollte sich die Gelegenheit bieten, würde ihm das gerne beibringen...

 

Wie lange möchtest du den Sport noch betreiben? Es scheint ja kaum eine Altersbegrenzung zu geben, wenn man sich körperlich fit hält.

Mein absoluter Held ist der Österreicher Johann Sulzbacher. Der ist so alt wie mein Vater und ist letztes Jahr im Alter von 69 Jahren Österreichischer Meister geworden. Dieser Knochen ist so fit, der würde mich beim Berglauf glatt in die Tasche stecken. Und das ist für mich ein leuchtendes Vorbild, im Alter sowohl geistig als auch körperlich total fit zu bleiben, sich nach wie vor für den Sport zu begeistern und dann wirklich den amtierenden Europameister and alle anderen Top-Österreicher zu schlagen. Die Österreicher sind die beste Drachenflugnation der Welt, die sind einfach unglaublich stark. Und „Sulzi“ hat bewiesen, dass es möglich ist, auch im Alter noch Topleistungen zu bringen. Das hat mich einfach unglaublich motiviert. So lange die Kraft, die körperliche Fitness und das schnelle Reaktionsvermögen vorhanden sind, ist es gar kein Problem, den Sport bis ins hohe Alter auszuüben.