Geburtstag: 23.09.1978
Wohnort: Flirsch, Österreich
Bernd Zangerl verbrachte seine Kindheit bei seinem Großvater auf der Alm und entdeckte schon in jungen Jahren das Berggehen für sich. Der gebürtige Tiroler zählt zu den besten Boulderern der Welt und verbringt so ziemlich jeden Tag am Fels - sogar im tiefsten Winter.
Wie bist du zum Klettern gekommen?
Eigentlich eher zufällig, durch einen Bergführer, Peter Grissemann, in unserem Dorf. Der hat mich eines Tages mal an einer Wand rumklettern sehen und gefragt, ob mich das interessiert. Ich habe geantwortet ja sicher, da hat er mich mitgenommen und von da an sind wir jeden Tag zusammen Klettern gegangen. Da muss ich so 15 Jahre alt gewesen sein. Wir waren hauptsächlich alpin unterwegs, ich habe also mit Alpinklettern angefangen. Also ganz klassisch. Mittlerweile bin ich halt bei den Boulderblöcken angekommen.
Und wie hast du das Bouldern für dich entdeckt?
Auch da habe ich jemanden kennengelernt. Zu dem Zeitpunkt war ich schon ein sehr guter Sportler, ich konnte Routen im 10. und 11. Grad klettern. Beim Bergsteigen geht es ja schon irgendwie immer um die Schwierigkeit und die Frage, was ist möglich. Vor 10 Jahren, 1999, hat mich der Thomas Steinbrugger mit ins Tessin genommen. Da stand ich vor diesen Bouldern – und ich hatte mir damals eingebildet ich sei stark – aber ich hatte überhaupt keine Idee wie man das jetzt klettern kann. Aber es hat zu der Zeit schon Jungs gegeben, die solche Sachen gemacht haben. Das hat mir den Blick fürs Klettern noch mal geöffnet, denn was alles möglich ist habe ich erst dort begriffen. Danach habe ich das Seil weggelegt und bin nur noch Bouldern gegangen, um zu schauen, was ich dort erreichen kann.
Was macht für dich den speziellen Reiz beim Bouldern aus?
Das ist eine Mischung aus vielen Dingen. Zum einen kann ich das Bouldern alleine machen oder mit guten Freunden. Ich kann überall hingehen, es gibt weltweit einfach ein irrsinniges Potential an tollen Boulderblöcken. Aber was mich wirklich fasziniert ist, was im Klettersport alles möglich ist. Früher bist du an solchen Steinen vorbeigegangen und hast nicht geschaut, ob man das klettern kann. Als Boulderer schaust du Steine an, an denen jeder andere vorbeiläuft. Dann siehst du ein paar Griffe, hast eine Idee im Kopf und fängst an zu basteln. Es ist so vieles möglich, wenn du wirklich dran bleibst und motiviert bist. Felsblöcke wahrzunehmen, die sonst niemand sieht, Unmögliches zu probieren, das dann doch geht, das macht es für mich aus. Das Unmögliche im Klettersport lässt sich nur beim Bouldern ausprobieren. Man ist auch viel freier in seinen Bewegungen. Ich liebe diesen Zustand, wenn es wirklich läuft. Dann sind die schwierigsten Boulder gar nicht schwierig. Du bist auf einmal oben und weißt nicht, wie du das gemacht hast. Ich liebe das. Mit Seil musst du anders denken und kontrollieren. Beim Bouldern kannst du alles komprimieren. Innerhalb von ein paar Sekunden explodierst du und bist oben – oder auch nicht...
An manchen Boulderproblemen beißt ihr euch ja richtig lange fest – das zieht sich zum Teil sogar über Jahre hin. Verbessert man sich beim Bouldern auch dadurch, dass man ‚reifer’ wird?
Ja sicher. Du kannst mit der ganzen Situation besser umgehen. Es gibt ganz wenige Tage an denen du die ganz schweren Sachen klettern kannst. Du musst einfach warten und dich in Geduld üben. Das ist in erster Linie eine Kopfsache. Wenn du eine Sache so lange probierst und sie dir so wichtig ist, musst du die Balance finden zwischen Ehrgeiz und Gelassenheit. Ich habe Projekte, die sind schon fünf Jahre alt und die sind immer noch in meinem Kopf. Ich weiß, dass sie gehen und irgendwann werde ich sie auch klettern können. Aber wenn ich schon mal angefangen habe, etwas zu probieren, dann sage ich vielleicht es geht jetzt nicht, aber je nach Motivation gehe ich immer wieder hin.
Wie wichtig ist es denn für Deine Motivation, eine Balance zu finden, zwischen ‚harten Nüssen’, an denen man sich über lange Zeit die Zähne ausbeißt und Erfolgserlebnissen?
Früher bin ich beinhart hingegangen, egal ob es gut oder schlecht gelaufen ist. Ich lieb es einfach, mich an einer Sache festzubeißen. Wenn ich motiviert bin, dann bin ich ja auch nicht schlecht drauf sondern gehe mit Freude zum Bouldern und mache aus dem Tag das Beste. Es ist schon manchmal schwer, die Balance zu finden. Das ist halt wieder eine Kopfsache. Ich habe heuer sechs Monate lang Vollgas auf drei Projekte hingearbeitet und jetzt bin ich erst einmal frei und habe kein aktuelles Projekt. Das ist auch ganz schön. Aber wenn mich etwas motiviert, dann bin ich gleich voll da und genauso fit wie im Winter. Aber dann mache ich nur Sachen, die mich voll motivieren. Ich muss nicht jeden schweren Boulder klettern sondern konzentriere mich auf Dinge, die mir ins Auge stechen, zum Beispiel eine neue “Superlinie“... Dann machst du das mit solch einer Energie, dass es viel leichter geht als wenn man irgendetwas erzwingen würde oder auf eine Sache hintrainiert.
Gibt es Projekte, auf die du besonders stolz bist?
Da gibt es eine ganze Liste von Highlights. Aber besonders stolz bin ich auf Anam Cara (Galtür), denn zu dieser Zeit war ich verletzt und alle Ärzte haben gesagt, das was ich mache geht nicht mehr. Und mit dem Boulder habe ich mir bewiesen, dass es eben doch noch geht. Ich habe nach meiner Verletzung 1,5 bis 2 Jahre darauf hin gearbeitet und gezeigt, dass Ärzte nicht immer Recht behalten müssen. Das sind meine Highlights der letzten 10 Jahre – meine schwersten und schönsten Erstbegehungen:
- la grotte des soupirs (1999)
- dreamtime (2001)
- Viva la evolution (1st ascent, 2002)
- New Base Line (1st ascent, 2002)
- frontline (1st ascent, 2003)
- Memento (1st ascent, 2005)
- Gecko (1st ascent, 2006)
- Anam Cara (1st ascent, 2007)
- The unknown-ungraded (1st ascent, 2008)
- Entlinge (2nd ascent, 2009)
- From the dirt grows the flower (2nd ascent, 2009)
Gab es mal einen Moment als Kind, als du mit dem Klettern angefangen hast, der dich so geprägt hat, dass du gesagt hast, das möchte ich mein ganzes Leben lang machen?
Das sind einfach die Berge. Ich liebe die Natur. Egal wo ich bin, ich möchte gerne etwas Neues sehen. Mit 15 Jahren mit dem Peter Grisseman (Bergführer) unterwegs zu sein, war für mich Adventure pur. Der hat mich zu Hause abgeholt und mir vom Berg aus Italien und Frankreich gezeigt. Andere Länder zu sehen, war für mich damals das größte Abenteuer und das ist es auch immer noch. Daher reise ich auch so gerne. Es gibt so viel zu entdecken. Es zieht mich einfach immer in die Natur. Ich liebe die Ruhe, die Berge. Ich bin einfach kein Stadtmensch.
Jetzt bist du ja im weitesten Sinne Profisportler. Hast du versucht, Sponsoren zu finden, um deinen Traum zu leben oder sind die Firmen damals auf dich zu gekommen, weil du so ein guter Boulderer bist?
Um ehrlich zu sein ich bin eher schlecht in meiner Selbstvermarktung. Meinen ersten Sponsor habe ich mir noch selber gesucht, von dem habe ich meine ersten Kletterschuhe bekommen. Alles andere haben eigentlich meine Kumpel durch Weiterempfehlung eingefädelt. Ein paar Firmen sind auch direkt auf mich zugekommen. Sich selber zu verkaufen, muss man lernen. Mir liegt das nicht so. Wenn Leute auf dich zukommen, ist es viel einfacher. Ich kann immer das machen, was ich will und muss mich nicht verbiegen. Ich kann auch mal sagen, was ich gut oder schlecht finde. Ich habe eigentlich immer Glück gehabt.
Das kann ich nachvollziehen, denn du bist ein eher stillerer Typ. Anderseits gibt es da eine Dokumentations-Mappe, oder ein Sponsorenbuch, das du erstellt hast, von dem sich manch ein Profisportler eine Scheibe abschneiden könnte. Das zeugt von Perfektionismus und Professionalität – beides gute Eigenschaften für einen Athleten, der von seinem Sport leben möchte. Haben dich diese Eigenschaften auch sportlich weitergebracht?
Jawohl, sicher sogar. Weil man nie so gut klettern kann, wie wir uns das ab und zu vorstellen. Man sieht ein Projekt und weiß, wie es geht, aber dann hängt es von einem selbst ab, ob man es umsetzen kann. Ich glaube schon, dass ich ein Perfektionist bin. Und ein Ästhet. Ich liebe schöne Dinge, schöne Bilder, schöne Musik. Das mit der Mappe hat mal ganz klein angefangen und irgendwann steckst du so drinnen, dann willst du es einfach so perfekt wie möglich machen. Solche Sachen mache ich auch gern.
Ist dir die Ästhetik beim Klettern auch wichtig? Also geht es dir nicht nur darum, irgendwo rauf zu kommen sondern auch, wie du das umsetzt? Suchst du nach der elegantesten Lösung?
Die Ästhetik beginnt eigentlich beim Felsblock. Das ist mittlerweile das, was mich motiviert. Schwer bouldern kannst du überall. Aber wenn dich etwas optisch anspricht, dann willst du das klettern. Das ist wie ein schöner Berg, den du siehst und denkst Wow da will ich rauf. Ich sehe einen schönen Felsblock und hoffe dort eine Linie zu finden. So suche ich meine Boulder aus. Ob sie schwierig werden oder leicht, das ergibt sich dann. Aber jetzt bin ich etwas von deiner Frage abgekommen... Meine Freunde sagen ab und zu, dass ich ästhetisch klettere. Wenn ich mich bewege, kann ich selber nicht beurteilen, ob das jetzt super aussieht oder nicht. Ich klettere so, dass ich nicht darüber nachdenke, wie ich mich bewege, sondern der Körper tut’s einfach. Wenn es rund läuft, dann ist man im Fluss und der Körper bewegt sich auch schön.
Wenn du sagst, du überlässt es deinem Körper sich zu bewegen, kletterst du eher intuitiv? Welche Rolle spielt Dein Kopf dabei?
Der Kopf ist eigentlich das wichtigste. Bis zu einem gewissen Level kann ich sagen, ich habe die Kraft, ich habe das Niveau, das kann ich jetzt durchziehen oder ich kann mich zusammenreißen, um dieses Niveau zu klettern. Doch gewisse Sachen kann ich nur im richtigen Zustand klettern. Ein Art Flow-Zustand - wenn ich locker bin und es mir eigentlich egal ist, ob ich es schaffe oder nicht. Das sind dann häufig die schönsten Erlebnisse. Ich habe letztes Jahr richtig schwierige Sachen gemacht, wo ich erst dachte, das geht nicht und dann war ich auf einmal oben – ohne viel Vorbereitung. Man kann mit wenig Aufwand viel erreichen, aber man ist leider nicht immer in diesem mentalen Zustand.
Wenn du morgens aufstehst, spürst du dann schon, ob du gut drauf bist und denkst dir, heute wird ein guter Klettertag, oder merkst du das erst, wenn du vorm Fels stehst?
Nein, ich merke das schon, wenn ich wach werde. Ich gehe natürlich immer gerne zum Klettern, auch wenn ich mich mal nicht topfit fühle, weil es mir einfach Spaß macht. Aber wenn ich auf eine Sache hinarbeite, dann probiere ich wirklich den Zeitpunkt abzuwarten wo ich aufwache und schon in der früh so unter Strom bin, dass ich mich erst einmal runterholen muss bis ich am Felsblock bin, denn zu viel Speed ist auch nicht gut. Aber ich liebe das, das ist super. Es kommt ja nicht jeden Tag vor. Im Moment bin ich ruhig. Aber vergangen Winter stand ich sechs Monate lang fast jeden Morgen unter Strom. Ich bin halt ein Frühaufsteher. (lacht)
Ich habe gehört, dass du erst vor kurzem, mit dreißig, deine erste eigene Wohnung bezogen hast, stimmt das?
Ja, im Januar 2009. Aber ich bin immer noch nicht so viel in meiner Wohnung.
Und wo hast du vorher gewohnt?
Viel im Auto. Im Sommer kann ich im Auto schlafen, wo ich gerade bin. Dann war ich viel in der Schweiz. Da habe ich gemeinsam mit Freunden über die Wintermonate immer ein Apartment gemietet. Ansonsten war ich eigentlich immer auf Reisen. Und dazwischen haben mir meine Eltern immer mal wieder Unterschlupf gewährt.
Wo bist du in den letzten Jahren hauptsächlich hingereist?
Ich war jetzt gerade einen Monat in Norwegen, letztes Jahr war ich in China, dann war ich schon in Südamerika und ich bin viel nach Afrika gereist. In Südafrika war ich 6 Sommer - da habe ich insgesamt sicher schon ein Jahr verbracht. Südafrika war einer meiner Lieblingsplätze, doch mittlerweile ist es da einfach zu überlaufen. Bouldern boomt dort sehr stark und jetzt muss ich weiterziehen und mir neue Sachen suchen. Aber Afrika ist wunderschön.
Ist es wichtig für dich, in einem bestimmten Gebiet der erste zu sein und neue Gegenden zu erkunden?
Wenn du irgendwo der erste bist, kannst du alles in Ruhe machen. Klettern ist mittlerweile ein Spitzensport und viele Athleten sind ein wenig stressig. Ich bin gerne alleine unterwegs, bin den ganzen Tag draußen und verfolge meine eigenen Ziele. Wenn du der erste bist, suchst du dir einfach die schönsten Sachen raus. In Südafrika habe ich fast alles gemacht. Jetzt gibt es dort nur noch wenige Probleme die mich motivierten. Und jetzt kommen die Leute und wiederholen meine Erstbegehungen. Sachen als erstes zu machen ist einfach viel schöner, das motiviert mich eigentlich am meisten.
Ihr gebt euren Boulderrouten oder Erstbegehungen ja zum Teil recht witzige Namen. Wie kommt man darauf?
Ab und zu ist ein versteckter, tieferer Sinn dabei oder es bedeutet gar nichts. Bei mir lässt es sich häufig auf die Musik zurückführen, die Musik, die mich gerade begleitet hat, ein DJ-Name, oder ich erfinde einfach selber ein Wort, je nach Lust und Laune. Ich habe in den letzten Jahren an die 500 Erstbegehungen gemacht, da muss man sich eine Menge einfallen lassen. Ab und zu wählt man auch so kritische Understatements, aber um die zu erklären, müsste ich ziemlich ausholen.
Stichwort Understatement – stimmt es, dass viele Kletterer eher tief stapeln, was die Bewertung einer Route anbelangt?
Es gibt mittlerweile Sachen, die wurden leicht bewertet aber nie wiederholt. Beim Bouldern ist die Bewertung ohnehin sehr schwierig einzuschätzen. Es gibt so viele junge Leute, die in gewissen Dingen so stark sind. Vor vier Jahren hätte man da vielleicht noch gesagt Wow, das ist eine neue Dimension. Heute sehen die Jungs das und sagen, logisch kann man das klettern. Die fangen vom Kopf her auf einer ganz anderen Ebene an. Inzwischen ist der Leistungsdruck beim Klettern auch ganz anders. Die Jungs pushen sich gegenseitig. Aber die Bewertung ist immer nur ein Vorschlag. Manchmal hat man auch nicht die beste Lösung gefunden. Aber wenn ich eine bestimmte Linie im Kopf habe dann habe ich auch den Willen sie durchzuziehen.
High Balls sollen dich besonders faszinieren, warum?
Wenn du ästhetische Sachen suchst, schauen hohe Boulder einfach imposanter aus. Und da beginnt das Spiel – was lässt sich ohne Seil noch klettern? Ich klettere heute Boulder, in die man früher zwei, drei Bohrhaken reingemacht hätte. Bis fünf Meter ist das safe, da kann ich einfach auf meine Matte runterspringen. Ab fünf Meter sollte man eigentlich nicht mehr stürzen.
Wie gehst du mit dem Verletzungsrisiko um, wenn du High Balls kletterst?
Wie gesagt, aus vier, fünf Metern Höhe zu stürzen ist ok. Du lernst auch zu stürzen. Früher bist du runtergefallen wie ein Stein. Heute kann ich aus vier, fünf Meter stürzen und wirklich gut auf dem Boden aufkommen. Ab fünf Meter weiß ich, dass ich nicht stürzen darf und tu es auch nicht. Außer es bricht etwas aus. Da kann wirklich etwas passieren. Und dann musst du wieder auf dein Gefühl horchen. Deshalb liebe ich es auch, nach Intuition zu klettern. Ich kämpfe mich nirgendwo rauf. Wenn ich schon am Start zittrig bin und überlegen muss, dann ist es einfach nicht der richtige Tag und ich höre auf. Aber ich habe auch schon gute Sachen gemacht, obwohl ich am Start gezittert habe. Das kann gut oder schlecht sein. Du steigst ein, kriegst nichts mit und auf einmal bist du zehn Meter weiter oben. In diesem Zustand mache ich die Highballs, denn dann bist du meiner Meinung nach im sicheren Bereich.
Wenn du dich tatsächlich mal schlimmer verletzen solltest – was hoffentlich nie passieren wird – und eine Zeit lang nicht mehr raus könntest, wie würdest du dich ablenken?
Viel lesen, Musik hören, schreiben – ich schreibe sehr gern. Ansonsten gehe ich auch mit Krücken raus!
Nun seid ihr ja in eurem Sport durch die Natur manchmal etwas eingeschränkt, zum Beispiel wenn es zu draußen zu warm oder zu feucht ist. Sitzt du das dann aus oder setzt du dich gleich ins Auto und fährst woanders hin?
Früher habe ich mich auf zwei, drei Projekte konzentriert. Aber mittlerweile habe ich so viele Projekte, dass ich je nachdem wo das Wetter schlecht ist, immer eine Ausweichmöglichkeit finde. Das artet dann aber aus, wenn du zu viel hast und nichts zu Ende bringst, weil du nicht konsequent dran bleibst. Aber die ganz schwierigen Sachen hängen eigentlich nur von den äußeren Bedingungen ab. Ich habe zum Beispiel ein Projekt, das ich seit fünf Jahren probiere und es gibt vielleicht vier Tage im Jahr, an denen du das klettern kannst. Und an diesen Tagen musst du auch noch da sein. Wenn es um Reibung geht, ist die richtige Temperatur entscheidend. Da wird es dann schon richtig komplex. An einem Tag kannst du das Ganze klettern und zwei Tage später hast du keine Chance. Damit muss man auch erstmal fertig werden. Du kommst irgendwo hin, bist voll motiviert und denkst du packst das und dann geht gar nichts, weil die Temperatur nicht stimmt. Aber jeder Fels und jede Kletterei ist anders. Was für den einen Boulder gilt kann am nächsten schon wieder ganz anders sein.
Und das macht wahrscheinlich genau den Reiz aus, dass man an einem natürlichen Objekt arbeitet und sich immer wieder auf neue Bedingungen einstellen muss...
Du kannst vielleicht an einer Kletterwand konsequent auf ein, zwei Projekte im Jahr trainieren. Die baue ich mir halt nach und trainiere sie immer wieder. Aber alles was ich bisher gemacht habe, konnte ich in meinem Stil klettern, das heißt immer wieder zum Boulder hingehen und probieren. Ich möchte auch nicht mein ganzes Jahr auf zwei Projekte reduzieren. Sollte ich irgendwann mal meine Lebensaufgabe finden, ein Projekt, das so schwierig ist und mich gleichzeitig so fasziniert, dann mache ich das vielleicht. Aber bis heute habe ich jede Kletterei geschafft, in dem ich direkt am Fels geübt hab.
Apropos Lebensaufgabe – hast du irgendein größeres Fernziel, irgendetwas, das du unbedingt schaffen oder erreichen möchtest?
Ich suche noch meinen idealen Wohnort. Eigentlich müsste ich fast in der Schweiz leben. Zurzeit sitze ich noch sehr viel im Auto. Zwei bis drei Stunden Anfahrt sind für mich normal. Aber wenn du irgendwo wohnst und du hast die Blöcke hinten im Garten, tun sich natürlich ganz neue Horizonte auf. Sobald das Wetter passt, kannst du sofort klettern gehen und dir Sachen auf höchstem Niveau konsequent erarbeiten. Das wäre mein Ziel.
Das heißt ganz viel Geld sparen...
Ja, das sollte ich wohl – oder lernen, mich besser zu verkaufen. (lacht) Und langsam mit meinem Business starten.
Du studierst ja Geographie - hast du schon irgendwelche Vorstellungen, was du nach deinem Abschluss machen möchtest?
Ehrlich gesagt, warte ich gerade darauf, dass das Geographiestudium wieder geändert wird. Als ich damit angefangen habe, ging es mehr um Natur, Gletscher, Landschaftsgeschichte – Dinge, die mich wirklich interessieren. Mittlerweile hat sich das alles auf geographische Informationssysteme reduziert und es geht nur noch darum, Daten zu sammeln und optisch darzustellen und das interessiert mich einfach nicht. Eigentlich bin ich ja Architekt. Ich habe schon eine berufliche Ausbildung abgeschlossen, daher sehe ich das Geographie-Studium eher als Ergänzung. Mein Schwerpunkt war Hochbau, aber diesen Beruf habe ich nie wirklich praktiziert. Ich habe zwar auf dem Bau gearbeitet, aber ich bin nicht so der Büromensch.
Das kann ich mir vorstellen. Du bist ja bei Wind und Wetter draußen und in den Bergen auch mit ziemlichen Witterungs- und Temperaturschwankungen konfrontiert. Was trägst du, wenn du zum klettern gehst? Du musst ja auch beweglich sein.
Also im Winter nennen wir das Ganze „Zwiebelklettern“, denn du hast alles dabei. Natürlich hauptsächlich Funktionskleidung. Wir haben da viel rumprobiert. Wenn es kalt ist, tragen wir untendrunter immer etwas, das wärmt und darüber ein kurzes Shirt. Dann einen Windstopper und eine warme Jacke – meistens eine Daunenjacke, die hält einen im Hochgebirge immer warm. Regenschutz braucht man im Winter nicht, daher kann man immer mit Daunenjacke klettern gehen. Wie gesagt, wir haben immer alles dabei. Wenn die Sonne rauskommt ist es heiß, wenn Wind aufkommt ist es am Berg kalt. Man muss sich auf alles einstellen. Und wenn es kalt wird und du den ganzen Tag lang frierst, dann wirst du schnell krank.
Und was machst du mit Händen und Füßen? Die kannst du ja nicht wirklich warm einpacken.
Meine Füße sind mittlerweile abgehärtet, das ist gar kein Problem. Und die Finger eigentlich auch. Ich kann auch bei minus 10 Grad klettern. Das ist zwar nicht so angenehm aber es geht. Am Anfang frieren sie mal ab, werden taub und später schießt irgendwann das Blut rein. Das tut voll weh, aber die Finger werden richtig heiß. Und wenn du das hinter dir hast, bleiben die Finger ein bis zwei Stunden warm. Ich wärme mich ja auch auf, denn ich klettere auch im Winter mit T-Shirt und Hose. Und sobald ich unten bin, packe ich mich wieder warm ein, damit der Körper nicht auskühlt. Dann ziehe ich auch warme Schuhe und warme Socken an. Manchmal bin ich auch im Tiefschnee mit Skiausrüstung unterwegs, um zu meinem Boulder zu gelangen. Ich war mal zwei Monate lang jeden Tag hüfttief im Schnee mit Bergschuhen unterwegs, weil der Boulder mitten im Schnee lag. Danach hat’s mir dann auch gereicht.
Wie viel Zeit verbringst du im Jahr am Berg? Bist du wirklich jeden Tag draußen?
Sagen wir mal so, es gibt sehr wenige Tage, an denen ich nicht draußen bin. Ich klettere seit drei Jahren durch und habe noch nie eine Pause gemacht außer wenn ich verletzt war. Ich bin eigentlich immer unterwegs. Wenn ich mal zwei Tage in der Stadt war, um daheim etwas zu erledigen oder am Computer zu arbeiten, muss ich einfach wieder raus.
Was sagt deine Familie dazu, dass sie dich so gut wie nie sehen und du dich für eine Karriere als Profikletterer entschieden hast?
Dass sie mich nicht so häufig sehen, daran haben sie sich schon gewöhnt. Beruflich hätten sie sich für mich sicher etwas anderes vorgestellt. Gerade wenn man im ländlichen Bereich aufwächst gibt ja häufig sehr konkrete Vorstellungen, was man machen soll. Da wurde auch hart drum gekämpft. Aber mittlerweile bin ich alt genug und habe mich mit meinem Sturkopf durchgesetzt. Und meinem Papa taugt schon, was ich mache. Sie machen sich vielleicht ein wenig Sorgen. Aber das ist mein Leben, das ich führe. Ich bin zufrieden, mir geht es gut und das ist doch das wichtigste.
Wo liegen deine persönlichen Stärken?
Ich versuche meinem Bauch zu folgen. Durch meine Intuition konnte ich bisher eine Menge rausholen. Und ich bin richtig hartnäckig. Ich kann eine Sache sehr hartnäckig verfolgen. Da kann das Wetter noch so schlecht sein, ich gehe nicht in die Halle sondern gehe lieber im Tiefschnee Bouldern und bin zwei Stunden draußen. Vielleicht ein Sinn für Ästhetik – wobei man das schlecht sagen kann, denn Ästhetik empfindet ja jeder anders. Und ich bin ein sehr weltoffener Mensch.
Und was würdest du sagen sind deine Schwächen?
Ich sag immer Ja. Und das führt dann manchmal zu Situationen in denen ich arg gestresst bin. Mmh - sonst habe ich keine Schwächen. (lacht)







