Climbing

Beat Kammerlander (AUT)

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Geburtstag: 14.01.1959
Wohnort: Bludenz, Österreich 

Beat Kammerlander zählt zu den besten Sportkletterern der Welt und hat maßgeblich zur Entwicklung des Klettersports beigetragen, insbesondere im alpinen Gelände. Seine Route Silbergeier zählte jahrelang zu den drei schwersten Alpintouren der Welt, der Trilogie, bis Alexander Huber mit Bellavista in der Westlichen Zinne-Nordwand im Jahre 2003 eine noch schwerere Route klettern konnte. 2009 gelang ihm, im Alter von 50 Jahren, die ‚cleane’ Durchsteigung seiner Route Prinzip Hoffnung an der Bürser Platte in Vorarlberg.

Wie bist Du zum Klettern gekommen? Wer hat Dich herangeführt?

Ich bin erst relativ spät, im Alter von 17 Jahren zum Klettern gekommen. Meine Lehrmeister waren Wolfgang Muxl und Wolfgang Lorker. Wolfgang Lorker war zu der Zeit einer der besten alpinen Kletterer überhaupt und ich bin sehr dankbar, dass es die zwei waren, die mich entdeckt haben, denn sie haben mir nicht nur das Klettern beigebracht, sondern auch meine Einstellung zum Klettern geprägt. Meine Anschauung hätte sich auch in eine ganz andere Richtung entwickeln können.

Womit wir gleich beim Thema Ethik wären. Deine Einstellung zum Klettern oder Deine Ethik ist Dir sehr wichtig. Was macht sie aus?

Grundsätzlich, wie der Name Freiklettern schon sagt, geht es darum die Struktur des Felsens zu erklettern, und zwar von unten nach oben. Das bedeutet, dass man auch ein Risiko eingehen muss, denn man weiß ja nicht, was über einem liegt. Bei den meisten Touren musst Du dich erst einmal überwinden und die Gefahr eines Sturzes in Kauf nehmen, der fatale Folgen haben könnte. Mit diesem Risiko umgehen zu können, diese Prinzipien zu praktizieren und moralische Stärke zu beweisen, ist das, was Klettern für mich ausmacht. Andere machen es sich einfach. Die seilen sich ab, checken erst einmal die Wand ab und berauben sich so des Abenteuers. Das ist für mich ehrlich gesagt das schlimmste, vor allem wenn die Leute nicht dazu stehen, dass sie es so machen.

Wenn man es moralisch nicht drauf hat, dann muss man auf moralische Stützen oder Hilfsmittel wie Bohrhaken zurückgreifen. Für mich war es immer wichtig, mit möglichst wenig moralischer Unterstützung mein Ziel zu erreichen.

Was ist das besondere am Klettern? Was löst die Leidenschaft und Besessenheit aus, mit der du diesen Sport betreibst?

Seine eigene Psyche kennen zu lernen. Wie weit kannst Du gehen, was hältst du aus? Bei mir war das in den letzen Jahren ein äußerst steiler Entwicklungsprozess, denn ich habe die Grenzen der eigenen Belastbarkeit extrem nach oben verschoben. Die Perfektion mit der ich heute klettere, die körperliche und mentale Kontrolle habe ich eigentlich erst in den letzten sechs bis sieben Jahren erreicht.

Das hört sich nach einem langen Weg an – du bist inzwischen 50 Jahre alt. Also kam dein eigentlicher Schub mit Ende dreißig?

Klettern kannst du nicht wie ein normaler Leistungssportler angehen, der seine Leistungskurve bestimmt, Ziele definiert und darauf hin trainiert. Beim Klettern muss man geduldig sein. Man darf sich nicht an Schwierigkeitsgraden aufhängen. Viel wichtiger ist, neben dem entsprechenden Bewegungstalent, die mentale Stärke und die Bereitschaft total aus sich herauszugehen zu können. Viele Menschen, auch große Talente, können nicht aus sich herausgehen. Sie machen alles, was sie tun, mit einer Reserve, einem Leistungspuffer. Und genau das zu eliminieren, ist die Kunst des Kletterns. 

Wenn man dir zuhört, versteht man, warum du inzwischen auch Manager trainierst.

Es gibt viele Parallelen. Erfahrungen aus dem Sport lassen sich oft eins zu eins ins wirkliche Leben übertragen. Viele Dinge können mich heute nicht mehr erschüttern. Ich kann mental viel mehr aushalten, als ich dachte. Und die Leute glauben mir, was ich sage. Wenn ich Vorträge halte, dann gibt es Menschen, die noch nicht einmal klettern und die hinterher zu mir kommen, um sich zu bedanken, weil sie etwas mit nach Hause nehmen.

Hattest Du selber ein Vorbild?

Reinhold Messner hat mich damals sehr beeindruckt, denn er war schon ein extrem guter Kletterer. Heute bin ich für manche ein Vorbild (grinst). Ich weiß das, weil ich ab und zu Fanpost beantworten muss.

Würdest du dich als Mentor junger Kletterer bezeichnen?

Auf jeden Fall. Für die Vorarlberger Kletterszene bin ich ein Mentor. Ich habe immer das, was ich wusste, weiter gegeben. Ich finde, all das positive, dass du bekommen hast, musst du weitergeben, damit der Kreislauf ewig weitergeht.

Wie viel Zeit verbringst Du am Berg?

Ich gehe fünf Tage in der Woche klettern und die restliche Zeit verbringe ich mit Bergwandern. Ich arbeite inzwischen auch als Bergführer, denn wenn ich ohnehin immer in die Berge gehe, kann ich auch Leute mitnehmen. Interessanterweise hat sich aus den alternativen Beschäftigungen, die einfach nur entstanden sind, weil du beim extremen Klettern Erholungsphasen brauchst, ein Riesenpaket entwickelt. Ich fotografiere sehr viel und werde mittlerweile sogar von anderen Kletterern gebucht. Ich habe meine Vorträge, Kletterkurse und Managementseminare und werde immer öfter als Bergführer für private Bergtouren engagiert. Jemandem etwas zu erklären, macht mir genauso viel Spaß.

Das beantwortet schon fast die Frage, was du machen würdest, wenn du nicht mehr klettern könntest.

Ich weiß nicht, was ich machen würde ohne Klettern. Das ist für mich überhaupt nicht vorstellbar. Ich bewundere Leute, die im Rollstuhl sitzen und ihr Leben neu meistern. Ich weiß nicht, wie ich in so einer Situation reagieren würde.

Aber dein Leben hängt doch eigentlich ständig am seidenen Faden bzw. an ein oder zwei Fingern. Wie setzt du dich mit der Gefahr zu sterben auseinander? 

Das innere Zwiegespräch führst Du ständig. Du wägst immer das für und wieder ab. Ich habe schon viele Ideen gehabt und wieder verworfen, weil das Risiko zu groß war. Und das Risiko steht ja auch in direktem Zusammenhang mit dem, was dir das Projekt emotional bringt, also wie groß deine Motivation ist. Das ist vor allem beim Free Solo entscheidend. Du musst absolut sicher klettern. Deshalb schaust du auf den ersten Metern, was mit deiner Psyche passiert. Du kletterst mit einer Riesenkonzentration und die musst du die ganze Zeit aufrechterhalten können, denn du bewegst dich immer an der Sturzgrenze. Wenn dir nur für den Bruchteil einer Sekunde Zweifel kommen, dann übermannt dich die Angst. Und das ist ein so mächtiges Gefühl, dass es sofort deine Muskulatur lähmt.

Natürlich hatte ich auch schon ab und zu Todesangst. Als ich zum Beispiel bei einem Zustieg in einen vereisten Wasserfall hoch schaute und gerade noch sah, dass sich Gestein löste. Zum Glück habe ich in dem Sekundenbruchteil instinktiv richtig reagiert, denn wenn Du überlegst, bist du schon tot.

Ein „Forever young“ gibt es bei mir nicht. Ich lebe heute bewusster, Wertigkeiten haben sich geändert. Meine Beziehung, Freundschaften, zwischenmenschliche Dinge sind mir wichtiger als alles andere.

Wie würdest Du dich selbst beschreiben: als Abenteurer, Extremsportler, Topathlet oder Klettervirtuose?

Viele Seelen schlagen in meiner Brust – ich würde sagen ich bin all das. Vor allem bin ich heute ein viel besserer Kletterer als früher. Stärke und Muskelkraft gleiche ich heute durch technische Perfektion aus. Mit zunehmendem Alter und zunehmendem Bewusstsein der Vergänglichkeit hat sich bei mir eine andere Zufriedenheit und Selbstsicherheit eingestellt. Ich weiß, dass ich mich in Bezug auf meine Leistung nicht von außen steuern lasse. Früher war ich eine Klettermaschine; du glaubst dein Körper kann alles aushalten. Aber der menschliche Körper ist nicht für solche Belastungen geschaffen. Wenn du zuviel machst, dann spürst du das irgendwann. Und die schwächste Stelle sind die Finger.

Und gerade die sind beim Klettern entscheidend, denn dein ganzes Gewicht, ja dein Leben hängt oft im wahrsten Sinne des Wortes daran.

Ja das stimmt. Deshalb brauchen die Finger auch Erholung. Fingerverletzungen sind das schlimmste. Mir sind mal vier Kapseln gleichzeitig geplatzt. Du denkst, du kannst nie wieder klettern, und dann geht es doch irgendwann wieder. Und du machst denselben Fehler gleich wieder und belastet sie zu sehr. Und das ganze Drama wiederholt sich, bis du irgendwann endlich zur Vernunft kommst.

Musst du deine Hände besonders pflegen?

Alle vier Tage schleife ich die Hornhaut von den Fingerkuppen, damit die Haut schneller wächst. Hornhaut ist das schlimmste, denn sie schlupft weg und ist ein Sicherheitsrisiko.

Wie groß ist das Risiko, dass Du beim Klettern eingehst, tatsächlich?

Es ist ein kalkuliertes Risiko. Und darin besteht die eigentliche Kunst des Kletterns – genau zu wissen und zu spüren, wir weit man gehen kann. Sicher zu klettern, obwohl man sich an der Sturzgrenze bewegt. Ich vergleiche das immer mit einem Wassertropfen an einer Pipette. Der Moment, wo sich der Tropfen noch der Schwerkraft widersetzen kann und sich gerade noch hält, das ist das Stadium, das du beherrschen musst.

Deine Erstbegehungen wie Speed, Missing Link oder Silbergeier haben dich berühmt gemacht. Was macht für Dich den Reiz einer Erstbegehung aus?

Die Motivation ist klar – du willst etwas schaffen, was zuerst unmöglich erscheint. Und darauf arbeitest du hin. Teilweise über mehrere Jahre. Du kletterst einen Teil hundertmal, und es gelingt dir nicht, bis irgendwann der Knoten platzt. Bei Speed wusste ich beispielsweise, dass mir meine Maximalkraft, die ich an einer Schlüsselstelle brauchte, nur für 30 bis 45 Sekunden zur Verfügung steht. Um diese Stelle zu meistern, habe ich einen völlig neuen Kletterstil entwickelt. Anderes Timing, anderer Rhythmus. Ich wusste, ich muss an dem Punkt explodieren, von ganz unten heraus beschleunigen. 

Nach welchen Kriterien wählst Du eine neue Route aus?

Was mich reizt schaut eigentlich immer zuerst unmöglich und nicht kletterbar aus. Gerade darin liegt ja die Herausforderung – etwas zu schaffen, was andere für undenkbar halten.

Was war Dein bisher schwierigstes Projekt?

Ich würde sagen Speed und Missing Link, beides 11. Grad. Und im Bereich Alpines Sportklettern New Age, 1989 die erste Tour im beginnenden 10. Grad im Gebirge. Und später natürlich die Unendliche Geschichte. Auch Prinzip Hoffnung, meine cleane Durchsteigung der Bürser Platte in diesem Jahr, hat in meiner persönlichen Entwicklung sicher gleich viel Stellenwert.

Wer legt eigentlich den Schwierigkeitsgrad einer Tour fest?

Der Erstbegeher macht den Vorschlag. Die Wiederholer versuchen dann objektiv zu sagen, was es ist, verglichen mit Touren, die sie bereits kennen. Früher war einmal 6 der oberste Schwierigkeitsgrad der UIAA-Skala (Alpenskala) und galt als Grenze des Menschenmöglichen. Heute ist die Skala ist nach oben offen. Sie richtet sich nach dem höchsten bisher frei gekletterten Schwierigkeitsgrad und wurde in den vergangenen Jahren stetig erweitert. Aber je schwieriger es wird, desto langsamer entwickelt es sich weiter.

Was muss man mitbringen, um in diesem Sport erfolgreich zu sein?

Die Liebe zum Klettern. Wenn die da ist, dann passt die Motivation, dann kommt alles andere von selbst. Natürlich braucht man auch ein gewisses Bewegungstalent. Und viel Geduld.

Du bist 50. Das ist eigentlich schon ziemlich alt für einen Spitzensportler. Wie lange denkst Du kannst Du noch auf dem Niveau klettern?

Wie gesagt, meine Technik hat sich im Laufe der Jahre sehr verändert. Und abnehmende Kraft lässt sich durch bessere Technik kompensieren. Ich hoffe, dass ich noch lange klettern kann. Die Frage ist immer, was hält Dein Bewegungsapparat aus. Wann kommen Verletzungen, wie weit kannst Du gehen. Entscheidend ist natürlich auch das Körpergewicht. Jedes Pfund, dass du mehr mit dir rumschleppst kostet Kraft.

Was zeichnet Dich aus, was sind Deine Stärken?

Ich glaube, mein großer Toleranzbereich anderen Menschen gegenüber. Und dass ich zu vielem eine große Liebe habe. Ich kann keine Menschen hassen. Andere sagen von mir ich hätte einen stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.

Und was sind Deine Schwächen?

Dass ich nicht in allem so konsequent und diszipliniert bin, wie im Sport. Ich habe schon viele Dinge im Berufsleben sausen lassen, weil mir das Geld zum Leben genügt hat. Ich hätte sicher aus vielem mehr rausholen können, aber ich war einfach zu bequem. Und dann vielleicht meine Tendenz zum Extremen, z.B. zum extremen Feiern…