Climbing

Meilensteine

Während sich die meisten Kletterer in den Wintermonaten in die Kletterhallen zurückziehen, dort und im Fitnessstudio trainieren oder ganz einfach Skifahren gehen, gibt es einige wenige die trotz Kälte und Tiefschnee immer noch draußen an den Felsen hängen, egal ob diese dazu erstmal vom Schnee befreit werden müssen. Der Flirscher Bernd Zangerl gehört zu diesen Verrückten, was sicherlich ein Grund ist warum der Oberländer zu den besten Boulderern der Welt gehört.

Seit seiner Wiederholung von „DREAMTIME“ im Jahre 2001 gehört der Tiroler zu den Erfolgreichsten in seiner Disziplin. Seine Routen „ANAM CARA“, „MEMENTO“, „VIVA LA EVOLUTION“, „NEW BASE LINE“ und „DISNEY PRODUCTION“ zählen nicht nur zu den schwierigsten der Welt, es sind auch Meilensteine im Bouldersport. Viele seiner Routen konnten bis heute nicht wiederholt werden, was das Ausnahmetalent dieses Sportlers unter Beweis stellt.

In den letzten Jahren konzentrierte sich Bernd vorwiegend auf seine eigenen Visionen, er bereiste die Welt auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Auch diesen Winter arbeitete er zuerst an einem Projekt in den schweizerischen Bergen. Andauernde Schneefälle und Temperaturen unter dem Gefrierpunkt zwangen ihn allerdings dazu dieses Projekt aufzugeben, oder besser gesagt dazu es aufzuschieben. Im „Boulderparadies Schweiz“ gibt es aber Gott sei Dank noch andere Boulder Probleme, die seit vielen Jahren auf eine zweite Begehung warten.

Im Bouldersprt wartet die Szene nach einer Erstbegehung immer mit großer Spannung auf die zweite Begehung. Die Aufgabe des zweiten ist es die Schwierigkeitsstufe des Problems die der Erstbegeher angibt zu bestätigen.

 

ENTLINGE (fb.8c /+)

Im Frühjahr 2005 konnte Fred Nicole im schweizerischen Murgtal den Topboulder „ENTLINGE“ erstbegehen. Recht lange hat er an dem 30° steilen Dachboulder rumgetüfftlet. Sein Statement damals:

„Die Intensität der Belastung scheint mir hoch. Vielleicht wieder eine 8c oder schwerer? Was auch immer - die Zukunft wird es wohl bald genug zeigen.“ Bald ist ein relativer Begriff. Und für „ENTLINGE“ sowieso unrelevant. Seit 2005 warf „ENTLINGE“ jedenfalls alle weiteren Wiederholungsaspiranten ab.

Bernd Zangerl wollte der Warterei auf die Zweitbegehung ein Ende setzen und die Schwierigkeitsstufe 8c bestätigen. Am 16. Januar 2009, fast fünf Jahre nach der Erstbegehung meisterte er schließlich als zweiter den Topboulder „ENTLINGE“ .

 

DIPENDE (fb.8b)

Am 20. Februar 2009 gelang dem Tiroler Bernd dann die dritte Begehung eines weiteren Nicole Boulders. Das diffizile Wandproblem „DIPENDE“ (Tessin) konnte bisher nur vom Engländer Tim Clifford wiederholt werden. Die Bewertung dieses genialen Problems varieren zwischen 8a+ und 8b+, auch Zangerl wollte nach seiner Begehung keine genauen Angaben machen. Vermutlich ist der Boulder aber doch etwas schwieriger als 8a+, ansonsten würde dieses vertrackte Wandproblem des Öfteren in diversen Scorecards auftauchen.

 

FROM THE DIRT GROWS THE FLOWER (fb.8c)

FROM THE DIRT GROWS THE FLOWER“, wurde 2005 vom Boulderass Dave Grahams erstbegangen. Der Amerikaner sprach damals von einem neuen Standard im Bouldersport, sicherlich ein Grund warum die Kletterszene schon lange auf eine Wiederholung wartete. Bernd Zangerl wagte sich an die Herausforderung!

Für diesen neuen Standard brauchte es allerdings auch sehr viel „Engagement“. Um mit der Begehung loslegen zu können musste der Boulder zuerst von den Schneemassen befreit werden, was bei einem Block dieser Größe gar nicht so leicht ist. Als nach ein paar weiteren Tagen schließlich alles trocken war hieß es: Time to climb! Überraschenderweise gingen die Moves recht gut, und Bernd konnte den Boulder fast schon am ersten Tag klettern. Nur die zwei „leichten“ Einstiegzüge fehlten, um an diesen neuen Standard heranzukommen.

Vielleicht war sich der Tiroler Felsadler seiner Sache einfach zu sicher. So gut der Anfang klappte, die komplette Begehung lies doch auf sich warten. Weitere sechs Tage fuhr Bernd zu Grahams’ „FROM THE DIRT GROWS THE FLOWER“. Die steigenden Temperaturen machten das Manteln auch nicht leichter, es wurde ein Wettlauf mit der Zeit, bzw. mit den Temperaturen.

Bernd erinnert sich: „Nachdem ich am Montag, den 16. März 2009 wieder zwei Mal ganz knapp am Ausstieg abgerutscht bin, entschloss ich mich zu einer sogenannten Frühstücksbouldersession. Um sechs Uhr früh holte mich mein Wecker aus dem Tiefschlaf, mit Espresso und lauter Musik verscheuchte ich die Schlafgeister und die wirren Gedanken über die „Sinnlosigkeit“ dieses Unternehmens. Kurz vor acht Uhr stand ich vor meinem Boulder. Um neun Uhr früh, bei 8° Celsius und 40% Luftfeuchtigkeit gelang es mir dem Warten auf die Wiederholung von „FROM THE DIRT GROWS THE FLOWER“ ein Ende zu setzten. Ich konnte das Boulderproblem endlich lösen und meisterte die zweite Begehung!“

 

Fotos: Fred Moax, Radec Capek