Hotel Supramonte
'This could be Heaven or this could be Hell'
Im Supramonte-Gebirge auf der Insel Sardinien, in den Provinzen Ogliastra und Nuoro, liegt die berühmte Gola di Gorroppu Schlucht. Mit bis zu 500 Meter hohen Wänden ist sie eine der eindrucksvollsten und tiefsten Schluchten Europas, die aus vollkommen senkrechten, in weiten Teilen sogar stark überhängenden Kalksteinwänden besteht. Durch den stark überhängenden Felsteil zieht sich die alpine Sportkletterroute „Hotel Supramonte“. Sie wurde 1998 von Rolando Larcher und Roberto Vigiani eingerichtet und zählt zu den schwierigsten alpinen Sportkletterrouten weltweit. Pietro dal Pra holte sich im Jahr 2000 die erste freie Begehung der Hotel Supramonte. Martina Cufar war die erste Dame, die diese Route im freien Stil klettern konnte. Dieses Jahr wurde sie von Barbara Zangerl wiederholt.
Von Barbara Zangerl
Im Herbst 2009 war ich das erste Mal zum Sportklettern auf Sardinien. Zusammen mit ein paar Freunden verbrachte ich die Zeit an klassischen Kletterplätzen, wie Cala Luna oder Calagorize. Für einen Tag hatten wir eine gemütliche Mehrseillangenroute gegenüber der Supramonte in der Gola di Gorruppo geplant. Als ich damals zusammen mit Didi, Ambi und meinem Bruder Udo voll verschwitzt nach dem langen Zustieg vor der beeindruckenden 400m hohen, überhängenden Wand, der Hotel Supramonte, stand wusste ich, so etwas zu versuchen wäre für mich der Wahnsinn. Aber zu diesem Zeitpunkt war das ganz klar Wunschdenken.
Nachdem ich im Sommer 2010 häufig in den Kalkwänden im Rätikon unterwegs war, wuchs in mir der Wunsch, meinen Frühjahrsausflug nach Sardinien zu verlegen, um zumindest ein paar Seillängen der Supramonte zu klettern.
Zusammen mit Marco Köb, einem starken Kletterer aus der Vorarlberger Kletterszene und ebenfalls hoch motiviert, ging es am 16. April für zwölf Tage nach Sardinien. Marco kommt aus Dornbirn und studiert Biologie und Chemie auf Lehramt in Innsbruck. Zu seinen bisher schwierigsten Routen zählen zum Beispiel Sportkletterrouten wie Reifeprüfung 8b+ oder Have fun 8a+. Damit zählt er sicher auch zu den stärksten Kletterern in Vorarlberg. Schon vor unserem Sardinienprojekt waren wir sehr viel zusammen unterwegs. Ich genieße es sehr, mit ihm zu klettern. Wir sind mittlerweile ein eingespieltes Team, was uns bei Mehrseillängenrouten sicher zugute kommt.
Gleich am ersten Tag wollten wir in die Supramonte einsteigen. Geplant war es, das Hotel, einen kleinen Unterschlupf nach der 6. Seillänge, zu erreichen. Nur gab es da ein kleines „Schlüsselproblem“ - und zwar nicht in der Wand. Sondern unser Schlüssel samt all unserer Kletterutensilien war im Auto eingesperrt. So mussten wir zum Frühstück mal schnell die Scheibe unseres nagelneuen Mietautos zu zertrümmern... Danach stand unser Supramonte Mission nichts mehr im Wege.
Der Eingang der Gola di Gorruppo Schlucht liegt zirka 18 Kilometer südlich von Dorgali und ist über eine kurvenreiche Schotterstraße zu erreichen, die von der SS 125 abzweigt und in den Talgrund des Valle di Oddeone hinabführt. Mit dem Auto lassen sich gute 11 Kilometer überwinden, die restlichen 7 Kilometer muss man zu Fuß zurücklegen. Der Weg ist abwechslungsreich und führt entlang des Riu Flumineddu teilweise durch Wälder, die eine angenehme Abkühlung bieten.
Es war bereits 11:30 Uhr - ziemlich spät, um in eine 400 Meter hohe Wand einzusteigen. Wir schafften es nur bis zur 4. Seillänge. Müde von der überhängenden, athletischen Kletterei entschlossen wir uns, bevor es dunkel wird, abzuseilen.
Der erste Eindruck: so viele schwere Längen in einem Stück zu klettern? Sehr schwer. Das erlaubte uns fast keine Kletterfehler. Kräftesparen ging nicht! Erste Zweifel kamen auf, ob das Ziel nicht doch ein wenig zu hoch gesteckt war...
Insgesamt hat Hotel Supramonte elf Seillängen bei einer Gesamtlänge von 400 Metern, davon sind zirka 80 Meter überhängend. Die Schwierigkeit: 7b+, 7c+,8b, 8a+,8b,7c ,7a+,7b+,7b,7b,6b
An unserem zweiten Tag in der Wand wechselten wir uns ebenfalls wieder ab mit dem Vorstieg. Dieses Mal lief es bei uns beiden deutlich besser. Ich hatte zwar Probleme in der Schlüsselpassage der 2. Seillänge, konnte aber die erste 8b Rotpunkt klettern. Marco kletterte ebenfalls alles frei, mit der ein oder anderen Pause. An diesem Tag schafften wir es bis zum Hotel.
Zwei Tage später kletterte ich ohne Hänger bis zur 5. Länge im Vorstieg. In der letzten 8b musste ich mir noch eine passende Lösung austüfteln. Danach kletterte Marco die moralischen letzten Längen vor. An diesem Tag standen wir das erste Mal eine Seillänge unter dem Top. Da war für mich klar, mit etwas Glück und viel Kampfgeist könnte ich es schaffen, alle Seillängen in einem Tag zu durchsteigen.
Nach zwei Tagen ununterbrochenem Regen, Abhängen in einer Blues Bar und vielen Cappuccinos, nutzten wir ein 24-Stunden-Schönwetterfenster und starteten am Ostersonntag zum vierten Mal in die Wand, hochmotiviert, alles zu geben. Bis zur dritten Seillänge war es für mich ein Megakampf. Nach zwei Tagen Regen waren die Bedingungen leider nicht mehr ganz so perfekt.
In der 4. Länge machte ich einen Abflug beim letzten Zug kurz vor dem rettenden Abschlusshenkel - das kostete Nerven. Wieder runter zum Stand, Seil abziehen und gleich noch mal probieren. Im zweiten Versuch klappte es dann. Am Stand vor der letzten 8b war ich ziemlich nervös und musste vor der Schlüssellänge noch mal Ruhe bewahren und mich durchbeißen.
Es lief alles wie am Schnürchen. Jubelschrei! Das Gröbste war getan, mir fiel eine Zentnerlast von den Schultern. Jetzt durfte ich nichts mehr anbrennen lassen, ich hatte noch vier schwierige Seillängen vor mir.
Endlich am Ziel meiner Träume angekommen war ich ausgelaugt von der Anspannung und ausgepowert, aber überglücklich es geschafft zu haben. Ein Ziel zu erreichen und zu wissen, dass es der perfekte Tag war und es nicht besser hätte laufen können, ist ein unglaubliches Gefühl! Mein größter Dank gilt Marco Köb, denn ohne ihn wäre das nie möglich gewesen!






