Climbing

Wetterglück in den Bugaboos

oder „Eine Modalität des Seins“

Alex Luger über seine Erlebnisse in den Purcell Mountains in British Columbia, Kanada.

„Govinda sagte: „Aber ist das, was du ‚Dinge’ nennst, denn etwas Wirkliches, etwas Wesenhaftes? Ist das nicht Trug der Maja, nur Bild und Schein? Dein Stein, dein Baum, dein Fluss – sind sie denn Wirklichkeiten?“

„Auch dies“, sprach Siddharta, „bekümmert mich nicht sehr. Mögen die Dinge Schein sein oder nicht, auch ich bin als dann ja Schein, und so sind sie stets meinesgleichen. Das ist es, was sie mir so lieb und verehrenswert macht: sie sind meinesgleichen!“

(Hesse, Siddharta)

Ich stehe am Straßenrand zwischen dem Flughafentransit und der Leitplanke, so etwas wie ein Gehweg existiert nicht. Suchend nach einer Treppe, einem Aufzug, einem Ausweg um eine Etage höher in die Departure Hall zu gelangen, stehe ich da. An der Rezeption des Hotels riet man mir einen Shuttle zu nehmen für die zwei Kilometer lange Strecke zum Airport Frankfurt. Auf meine Frage ob es denn keinen Fußweg gäbe, damit ich mir vor dem Flug noch ein wenig die Beine vertreten kann, wurde ich mit verwunderten Augen und runzelnder Stirn nochmals auf die Abfahrtszeiten des Shuttles aufmerksam gemacht. Zwischen vorbeirasenden Bussen und der Leitschiene quetsche ich mich durch und bin froh nur eine Tasche dabei zu haben. Endlich erreiche ich die Abflughalle, Terminal 2. „Sie müssen zu Terminal 1! Nehmen Sie den Shuttle Bus!“ Ich lasse mich auf die Bank vor der Haltestelle nieder. Meine Reise geht nach Asien. Das Wort „connected“ schwirrt in meinem Kopf herum, „everything is connected“! Vor drei Tagen war ich noch im Bear Country – Brithish Columbia unterwegs, unendlich scheinende Weiten und Flächen, wilde Gebirgszüge, Flüsse…

Dazwischen lag noch ein Kurzaufenthalt in Wien um das Visum für China zu organisieren. Komisch ist das schon dachte ich mir, in den Bugaboos, einer Region der Purcell Mountains, waren wir frei. Frei in unserer Wegwahl, frei in unseren Entscheidungen. Es war ein einfaches Spiel, Gletscherspalten ausweichen, beim „Runterrutschen“ des Cols über den Schrund springen, beim simul climbing oder seilfreien Klettern nicht stürzen, einfache Regeln, mit klaren Konsequenzen. Die Freiheit zu klettern, sich in den Bergen zu bewegen, wie es einem möglich ist. Keine Shuttlebusse, dafür zwei Beine. Keine Straßenbeleuchtung, dafür eine Stirnlampe. Keine Ampeln, dafür Augen. Kein Fernsehen, dafür 800 Meter steile und wilde Granitnadeln. Regeln? Nur die selbst auferlegten, die mir, so wie ich in die Berge gehe, entsprechen.

„So ein Flughafen, ein Spielplatz des Fortschritts, eine organisatorische Meisterleistung. Unzählige Massen von Reisenden werden täglich durch die vielen Gates geschleust und auf den für sie bestimmten Sitzplatz verfrachtet“. Mit diesem Gedanken werfe ich mich und mein Gepäck, wenigstens darf ich das noch selbst schleppen, in den Shuttle und komme zum Schluss, den Anzeigetafeln und den Ansagen aus dem Lautsprecher Folge zu leisten. „Sir, please wait behind the red line!“ Ich schaue auf meine Füße, die einen Schritt über der von mir unbemerkten roten Linie platziert sind. Ich hebe den Kopf und sehe den Flughafenangestellten, der Daumen kreisend in seiner Kabine sitzt, nur um mich nachdem ich den Schritt zurück hinter die rote Linie mache, aufzufordern nach vorne zum Schalter zu kommen.

Ich muss an die vergangenen Wochen in Kanada denken. Die Bugaboos. Was für Berge, was für eine Landschaft. Aus dem Gletscher ragen wilde Granitformationen, die mich irgendwie an überdimensionale Nashornhörner erinnern. Eine Region, in der, so scheint es für mich, die einzige Prämisse ist, keine Spuren zu hinterlassen. Nicht beim Wandern, nicht beim Zelten/ Biwakieren, nicht beim Klettern! Die Wahl des Routenverlaufs, das Einrichten der Standplätze, das Anbringen von Zwischensicherungen, der Abstieg, all diese Dinge sind von Dir frei wählbar, klar gibt es einen Führer mit Empfehlungen aber eben „nur“ Empfehlungen. Und was dem einen sinnvoll erscheint, ist dem anderen...

Und um an das Zitat in der Einleitung anzuknüpfen. „Wenn Dinge Schein sind, dann bin ich auch Schein, das macht die Dinge wieder irgendwie liebenswert.“ Ich fühle mich wohl in den Bergen, genieße die Einsamkeit und vor allem die Tatsache, dorthin gehen, klettern, denken und fühlen zu können wohin ich möchte! Eine meiner Wirklichkeiten: “Im Leben sein.”

 

Die Fakten einer perfekten Woche:

Anreise vom Flughafen Calgary zum Applebee Zeltplatz, Bugaboos, Purcell Mountains, BC

Day 1: Sunshine Crack, Snowpatch Spire, 5.11- (on-sight)

Day 2: Energy Crisis, Crescent Spire, 5.11+

Day 3: Northeast Ridge, Bugaboo Spire, 5.8, 2 Stunden vom Base Camp zum Gipfel (on-sight)

Day 4: Trinken, Essen, Regenerieren

Day 5: Fingerberry Jam, Pigeon Feathers, 5.12, (on-sight)

Day 6: Beckey- Chouinard, South Howser Tower, 5.10, 4 Stunden vom Wandfuß zum Gipfel (on–sight)

Day 7: The Power of Lard, Snowpatch Spire, 5.12/13-

Day 8: Cooper- Kor, Pigeon Spire, 5.10, beängstigend nasse Traverse

Nach dem achten Tag schwenkte das Wetter um und es begann zu schneien. Johannes und ich kletterten fast jeden Tag und an einem Tag stiegen wir noch am Abend ins Tal ab um Essen zu holen. Es waren intensive Klettertage mit viel frieren, wunderschönen Rissmetern, und unglaublich gutem Wetter. 

 

Bugaboos Gallery